Marie-Claire Blais – Drei Nächte, drei Tage

Marie-Claire Blais - Drei Nächte, drei Tage

Es gibt jene, die Einlass im Tal der Orchideen finden, und jene, die nicht hineinkommen. Und womöglich befindet sich dieses Tal hier auf Erden auf einer tropischen Insel, irgendwo im Golf von Mexiko. Doch das Öl in der Lampe schwindet, das Leben im Fluss der Ewigkeit ist nur ein Vorübergehen.

Die Reichen, die Armen, die Verstoßenen und die Geflüchteten, Kinder und Alte und die weißen Reiter der Apokalypse, die mit ihren weißen Kapuzen um die Häuser ziehen, in denen sich Weiße und Schwarze treffen  – sie alle bevölkern die kleine Insel in Marie-Claire Blais Werk Drei Nächte, drei Tage. Und sie alle sind von einem Durst getrieben, der alle Kreaturen erzittern lässt, der sie ihre Sterblichkeit begreifen lässt.

Da wäre Renata, die sich mit ihrem Mann nach einem medizinischen Eingriff auf der Insel zurückgezogen hat. Er ist Richter und hat vor kurzem einen jungen Schwarzen zum Tode verurteilt. Die Ungerechtigkeit des Urteils lässt sie nicht los. Auch sie ist Juristin und will Gerechtigkeit für alle Frauen, ein Ende der Vergewaltigungen, der sozialen Ungleichheit. Auch für jene Frauen, die ihre eigenen Kinder töten. Aber sie will auch ausbrechen aus der „bürgerliche[n] Gefangenschaft an der Seite eines Ehemannes, oder [der] berufliche[n], mit den Privilegien ihrer Gesellschaftsschicht.“ Und so hütet sie ihre heimliche Einsamkeit und sucht ihre Freiheit in der Nacht und in den Kasinos, angetrieben von der Unversöhnlichkeit zwischen Mann und Frau, die in ihrer gegenseitigen Neugierde doch unzertrennlich sind.

Jaques ist auf die Insel gekommen, um zu sterben. Ans Bett gefesselt und von der Krankheit, die in ihm wütet, gedemütigt, erinnert er sich. Er erinnert sich an die Armeen der Lust aus den Saunen, Parks und Wäldern, die nun ihren Verletzungen erlegen sind. Die Toten werden nicht mehr gezählt. Er, der Unantastbare, der vor der Bequemlichkeit der Ehe geflohen ist, wird nun geliebt. Von einer Gruppe junger Männer, die in naher Zukunft das gleiche Schicksal erteilen wird, und auch von der Schwester, die sich so lange für ihn und seinen Lebensweg geschämt hat.

Mutter, Melanie, Carlos, Pastor Jeremy, Daniel, der von der Vergangenheit seines Vaters zerschlissen ist, und die schwarze Venus, die im Verlangen nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung auf den drei Nächte und drei Tage andauernden Festlichkeiten auf der Insel ein unbändiges Lied der Wut singt. Auch sie bevölkern die Insel und geben ihrem Durst eine Stimme. Sie alle sind den Blicken der anderen ausgesetzt: letzte Blicke, begehrende Blicke, gewaltsame und dominierende Blicke. Denn nicht nur in ihrer Einsamkeit, sondern auch im Angesicht des Anderen werden sie zwischen all den sich erhebenden Stimmen zu einem Ich.

Die vielen literarischen Verweise in Drei Nächte, drei Tage, die Bezüge zu Virginia Woolfs The Waves und auch zu Marcel Proust sind offensichtlich, doch Marie-Claire Blais lässt sich nur mit sich selbst vergleichen. Mit Sätzen, die sich bis zu über 10 Seiten winden, reizt sie die Möglichkeiten der Sprache bis an ihre Grenzen aus. 1995 wurde Drei Nächte, drei Tage (im französischen Original Soifs) in Kanada veröffentlicht. Und nun liegt endlich auch eine deutsche Übersetzung vor, großartig übersetzt von Nicola Denis, und damit erstaunlicherweise erst die insgesamt zweite Übersetzung ins Deutsche – 1967 erschien Schwarzer Winter bei Kiepenheuer & Witsch – aus dem 50 Romane, Theaterstücke und Lyrikbände umfassenden Werk der Schriftstellerin. Drei Nächte, drei Tage ist hoffentlich erst der Auftakt einer langen Karriere von Marie-Claire Blais im Suhrkamp Verlag.

Marie-Claire Blais Drei Nächte, drei Tage ist Literatur, die herausfordert, aber nie langweilt, die einen Durst weckt, der nicht zu stillen ist.

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