Zsófia Bán – Abendschule: Fibel für Erwachsene

Zsófia Bán - Abendschule. Fibel für Erwachsene

„Worüber man nicht reden kann, darüber sollte man vielleicht versuchen zu reden, nicht wahr, dafür haben wir schließlich diese beschissene (-> muttersprachlicher Kraftausdruck) Muttersprache bekommen (…).“

Es herrscht Ruhe im Klassenzimmer der Abendschule von Zsófia Bán, es wird über das soeben Gehörte nachgesinnt. Jeder weiß, Wissen ist Macht (wenn denn auch alle andere Macht in den Händen ist). Hier wird für’s Leben gelernt, denn für alles gibt’s eine Lösung, hat man das nötige Nohau. Wie wenn man auf einen Wasserfall zutreibt. Oder den Eindruck hat, der Ehemann ist dabei, mit dem Schürhaken aus einem Wildragout zu machen. Folgendes ist in diesem Falle dem Gatten mitzuteilen: „Die Kutteln stehen auf dem Rechaud, mein Teuerster, du musst sie nur warm machen. Baba. Wenn mich jemand sucht, ich bin ficken gegangen.“

Altbekanntes aus neuer Perspektive, Ernstes und Trauriges, aber auch Ulkiges, das Tabuisierte und das Übersehene – versuchte man Zsófia Báns Abendschule: Fibel für Erwachsene (aus dem Ungarischen von Terézia Mora) zusammenfassen, schiene diese unzureichende Schlagwortsammlung am treffendsten zu sein. Und wieso auch nicht? In anti-Wittgenstein’scher Manier steht bei Zsófia Bán der Versuch sich auszudrücken an erster Stelle. Die Texte sind thematisch aufgeteilt in Schulfächer: Von Geographie – Geschichte, über Chemie – Leibesertüchtigung, bis hin zu Ungarische Literatur. Wie in einem Arbeitsbuch sind didaktische Einschübe [Macht euch Notizen! Beobachtet Dinge!] in die Texte eingearbeitet, die alle mit einer Reihe von surrealistischen Fragen und Aufgaben enden: „Hand aufs Herz: Wäschst du dir vor Operationen immer die Hände? Was schließt du aus der Tatsache, dass das Herz des Frosches auch ohne Frosch weiterschlägt? Was für ein Licht wirft das in deinen Augen auf den Frosch? Und: ist das gesund?“

Zsófia Bán ist eine Nachfahrin von Überlebenden der Shoah. Sie wurde am 23. September 1957 in Rio de Janeiro geboren, aufgewachsen ist sie in Ungarn. Als Professorin für Amerikanistik hat sie unter anderem auch an Harvard gelehrt und als Essayistin über W.G. Sebald, Susan Sontag, Imre Kertész und Péter Nádas geschrieben. 2018 nahm sie außerdem am Queer*East-Festival in Berlin teil.

Ein autobiographischer Abriss der Autorin scheint bei einem Text wie Abendschule: Fibel für Erwachsene fehl am Platze, doch bietet er einen Kontext für die Themenvielfalt des Werkes, die weit über die Grenzen Ungarns hinausreichen. Der einleitende Text Woist Mama stellt beispielsweise eine Art Urmutter in den Mittelpunkt, die man in Ungarn so nicht kennt (wie auch Péter Nádas in seinem Nachwort schreibt). Sie bringt ihren Kindern, dem Dorf, bei, wie sie mit Stolz einen gelben Stern und ein rotes A auf ihrer Kleidung tragen. Die zwei Fridas interpretiert das namensgebende Portrait der Künstlerin Frida Kahlo (die Tochter einer Mexikanerin und eines Deutsch-Ungarn) buchstäblich und beschreibt, wie die Zwillinge (die eine liebt die Jungs, besonders den Diego, die andere Mädchen, besonders die Marlene Dietrich aus der C) eine Operation aneinander vornehmen, um sich für immer zu vereinen.

Das Thema Homosexualität [Wirf einen Blick auf den Namen des Blogs! Musste das Thema Homosexualität unweigerlich in diesem Text zur Sprache kommen?] findet sich hier vor allem in Form des Schweigens und als Tabu. Wie die Geschichte Gustave Flauberts, der mit seinem Freund Maxime Du Camp nach Ägypten reist, an dessen Ende die Freundschaft ein jähes Ende findet und nach der Flaubert Madame Bovary schreibt: „Später äußert sich Flaubert rätselhaft so: Madame Bovary sei er selbst.  Expliquez! Der Roman erwähnt Maxime kein einziges Mal.“ Eine andere Erzählung beschreibt die verbotene Liebe zweier Frauen, die sich regelmäßig in einem Nachtzoo treffen. Diese Geschichte enthält, so der Klappentext und ich neige dazu, zuzustimmen, „eine der verrücktesten lesbischen Liebesszenen, die je geschrieben wurden“.

Aber vor allem die Form und die Stilistik des Textes scheinen eine queere zu sein. Zsófia Bán spielt hier durchänging mit den literarischen Konventionen, bricht und umschifft sie und fügt sie zu etwas vollkommen Neuem zusammen.

„Und vergessen nicht: Dass es keine Erklärungen gibt, bedeutet nicht, dass es auch keinen Sinn gäbe! Es sich, so oder so, eine Geschichte ergeben, und jede Geschichte ist auf irgendeine Weise interpretierbar, sogar auf mehrere Weisen. Gewöhnt euch also an die schwere Freiheit, an die wunderbar schwierige Aufgabe der Interpretation.“

Die Lektüre von Zsófia Báns Abendschule: Fibel für Erwachsene setzt vermutlich eine gewisse literarische Kenntnis voraus. Ähnlich wie W.G. Sebalds nutzt sie intertextuelle Verweise, welche die Texte um eine weitere, zusätzliche Dimension ergänzen. Gleichzeitig bieten diese Verweise auch eine Möglichkeit, sich dem Selbststudium zu widmen. So oder so, aus dieser Lektüre kann man nur als klügerer Mensch hervorgehen.

Eine Interpretation muss an dieser Stelle fehlen. Die Freiheit dieser wunderbar schwierigen Aufgabe soll potenziellen Leser*innen nicht genommen werden. Es gibt allerdings Hausaufgaben: Lest Zsófia Báns Roman Abendschule: Fibel für Erwachsene. Schreibt einen Aufsatz. Achtet darauf, alle damit zu schockieren, zu Hause und in der Schule.

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