„Ich bin ein Kind aus Bienenwachs. Geformt zu einer Puppe von der Größe eines menschlichen Unterarms. Man hat mich mit Haaren und Nägeln der Person versehen, die leiden soll. Ich wurde von meiner Herrin 40 Wochen lang unter ihrem rechten Arm getragen, als wäre ich ein echtes Kind, und mein Wachs wurde aufgeweicht von ihrer Wärme. […] Ich war ein Werkzeug. Das war auf dem Gut Nakkebolle in Südfünen. Mein Mund aus Wachs lasst sich nicht öffnen. Ich kenne die Menschen genau, doch sie kennen mich nicht. Ich bin ein Abbild in Ermangelung eines Kindes. Ich habe solch eine unerhörte, schachtförmige Sehnsucht nach der, die mich erschuf, ihr Name war Christenze Kruckow.“
Sie sollen Hexerei betrieben haben, diese Gruppe von Frauen, vom Teufel besessen das Glück anderer gestohlen, Unheil geschickt und Pest und Tod verursacht haben. Denn dort, wo es viele Frauen gibt, gibt es viele Hexen. In ‚Wachskind‘ (aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann) erzählt Olga Ravn fiktionalisiert von den tatsächlichen Hexenverfolgungen im Dänemark des 17. Jahrhunderts – aus allen Sinneskalibern feuernd, anhand von historischen Gerichtsdokumenten, Briefen, Handbüchern und Zaubersprüchen.
1605, Aalborg: Die verarmte, unverheiratete und kinderlose Adelige Christenze Kruckow ist geflüchtet. Denn nach 15 Schwangerschaften und 15 Totgeburten ist Anne Bille, Nakkebolles junge Herrin, böse und zornig geworden, unglücklich, gewalttätig. Annes wütender Schrei, ihr Vorwurf, Christenze sei für ihr Unglück verantwortlich, reicht bis an das Ohr des Königs und so steht geschrieben, dass auf Fünen Hexen enttarnt worden sind. Nach ihrer Flucht findet Christenze Zuflucht in der Gemeinschaft einer Gruppe von Frauen. Doch auch hier werden nach einer Weile die Hexengerüchte laut. Den Frauen wird der Hexenprozess gemacht.
Nach ihrem dystopischen Science-Fiction Roman ‚Die Angestellten‘ und ihrem autofiktionalen Roman über Mutterschaft ‚Meine Arbeit‘ (beide ebenso aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann) ist ‚Wachskind‘ in gewisser Weise Olga Ravns bisher konventionellster Roman. Zumindest was die Struktur und Handlung des Romans betrifft, der aufgeteilt in zwei Teile die ‚Hexengerüchte‘ und den ‚Hexenprozess‘ schildert. Es sind Sprache und Perspektive, welche ‚Wachskind‘ seine erzählerische Wucht verleihen. Wuchernd, prächtig und opulent lässt Ravn das leblose Wachskind erzählen, ein Erzählen, dass die Sinneswahrnehmungen verschiebt, denn das Wachskind schmeckt mit den Augen, es hört mit dem Rücken, es ist nicht an die Zeit gebunden. Auch wenn das Wachskind nicht sprechen kann, wird es zu einem Gefäß für die Geschichten dieser Frauen. Denn das Wachskind wird von ihren Händen, von ihrer Arbeit und ihren Körperteilen geformt: „Und als der Speichel von Christenze meine Stirn traf, platzte ich fast vor Erregung. Die Kerzen flackerten und ließen es so aussehen, als tanzten sie auf einem Feuer aus Schatten. Sie hatten mich mit ihrem Speichel getauft, und sie nannten mich Elisabeth, es waren ihre Nägel und Haare, die sie neben ihren eigenen Nägeln und Haaren in meinen Fuß gesteckt hatten, das spürte ich sofort.“
In Ermangelung eines Kindes wird das Wachskind also zum Speichergefäß weiblicher Traditionen. Es erzählt von der täglichen Arbeit der Frauen. Es müssen Gänse gerupft, Hopfen gepflückt, Wände verputzt, Kinder geboren, Käse beim Molkefest gemacht werden. Sie müssen kardieren, spinnen, den Flachs riffeln und brechen, ihn schwingen und hecheln, zetteln, ketteln und weben, den Flachs im Frühjahr säen, ihn im Sommer ernten, die lockeren Bündel rösten und brechen, schwingen, hecheln und spinnen, das Garn im Frühjahr zu Docken wickeln, sie waschen und zum Bleichen aufhängen, den Flachs im Herbst zu Tuch weben. In diesem Sinne führt ‚Wachskind‘ die Themen von Olga Ravns bisherigen Romanen – Arbeit und Mutterschaft – konsequent fort.
Das Wachskind erinnert sich an diese Gemeinschaft von Frauen mit ihren eigenen Formen des Arbeitens und des Wissens, aber auch denen des Begehrens. Christenze Kruckow hatte „sich nie bei einem Ehemann eingeschmeichelt, hatte nie geheiratet, wollte nicht, wollte weder Bürgermeister noch Amtmann, wollte kein Ehebett und keinen Ehevertrag und keinen Brautschleier und keine Aussteuer, wollte lieber allein reiten und Rotwein trinken und bis tief in die Nacht Briefe lesen“. Sie möchte Maren, die ein goldenes Leuchten an sich hat und nach Milch und Pökelfleisch und Heu riecht, beschützen und küssen – und auch wenn die beiden Frauen sich in erster Linie ihre Verbindung besiegen wollen, soll das Wachskind auch jemanden treffen, ihn leiden lassen. ‚Wachskind‘ widersetzt sich damit dem Narrativ des perfekten und unschuldigen Opfers und erzählt anhand eines historischen Stoffes eine Geschichte, die sich erstaunlich aktuell anfühlt.
Olga Ravns ‚Wachskind‘ erzählt so schrecklich wie schön und so poetisch wie gewaltig von Misogynie, aber auch Gemeinschaft und der Macht der Sprache – den Gerüchten, dem Aberglauben, den Vorwürfen und ja, auch den Zaubersprüchen.