Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Miku Sophie Kühmel - Kintsugi

Kintsugi. Das ist die Kunst zerbrochenes Porzellan mit Gold zu reparieren und zu veredeln. Doch was ist mit den Brüchen im Leben und in der Liebe? Machen sie uns auch schöner, edler und stärker? Der Debütroman Kintsugi von Miku Sophie Kühmel gibt darauf Antwort.

Seit zwanzig Jahren sind Max und Reik nun ein Paar. Das ist Anlass genug, um mit ihrem Freund Tonio und seiner Tochter Pega, genauso alt wie die Beziehung der beiden Männer, für ein Wochenende in eine kleine Hütte in der Uckermark zu fahren. Die vier verbindet eine lange Geschichte. Reik und Tonio sind seit ihrer Jugend miteinander befreundet, für kurze Zeit sogar mehr als das. Als Tonio als Jugendlicher Vater wird, ist Reik von Anfang an dabei. Pega wächst zwar ohne Mutter auf, dafür aber mit drei Vätern.

Es ist erstaunlich, vor was für ein Rätsel diese Konstellation das liberale Feuilleton gestellt hat. Von Goethes Wahlverwandtschaften war die Rede, davon dass Kintsugi kein typischer Schwulenroman sei, weil die Autorin „[d]ie sexuellen Präferenzen des Quartetts […] mit erstaunlicher literarischer Souveränität zurücktreten [lässt] hinter die emotionalen Irrungen und Wirrungen.“ Wo beginnen? Damit, dass auch Kintsugi sich nicht davor scheut, schwulen Sex darzustellen? Dass auch der „typische Schwulenroman“ durchaus in der Lage ist, nicht nur von Sex zu berichten? Oder dass auch Sex emotionale Implikationen haben kann? Wie dem auch sei: Kintsugi stellt etwas dar, was schwule und queere Literatur in ihrer Gesamtheit oft ausmacht: eine queere Wahlfamilie.

Der Roman gleicht einem Kammerspiel. In dem Haus in der Uckermark und der winterlichen Landschaft kommen die Brüche im Leben der vier ans Licht. Denn untereinander sind ihre Beziehungen alles andere als stabil oder geklärt. Der Roman lässt alle vier – Reik, Max, Tonio und Pega – zu Wort kommen. Die Handlung selbst erstreckt sich nur über das Wochenende, die Geschichten reichen tiefer. Alle vier berichten von den Brüchen in ihren Biographien und ihren Identitäten.

Wenn der Roman in der Kritik steht, dann immer für ein gewisses zu viel. Zu viel Sprache, zu viele Themen. Und es stimmt, die im Roman behandelten Themen sind vielfältig: Alleinerziehende Väter, Liebe, die kein Geschlecht kennt, Eifersucht und Traumata – die Liste ließe sich fortsetzen. Aber es scheint mir, dass dieses ‚zu viel‘ programmatisch ist, dass dieses zu viel an Sprache und Themen Ausdruck einer Generation ist, die sich mit den vielfältigen Verstrickungen in ihrem Leben auseinanderzusetzen beginnt und um eine neue Sprache ringt. Das gilt auch für die scheinbar austauschbare Sprache der vier Figuren. Denn wenn Liebe keine Geschlechter kennt, wenn hier alle Grenzen gesprengt werden – trifft das nicht auch auf die Sprache zu? Muss sich unser Vokabular, unser Denken nicht zwangsläufig annähern, wenn es zum metaphorischen Bruch kommt, wenn die Sprache zwischen Ich und Du oszilliert?

Ja, Kintsugi ist ein Roman des zu viel. Das kann nicht jedem gefallen. Aber wie erfrischend und aufregend ist es, eine neue Stimme zu entdecken, die etwas zu sagen hat, die aus diesem zu viel eine Poetik macht? Kintsugi ist ein aufregendes Debüt, über das man gerne streiten kann, denn das zeichnet gute Literatur aus. Und was auch immer auf dieses Debüt folgen mag, ich bin überzeugt, dass es wieder so sein wird.

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