Mike Laufenberg, Ben Trott (Hrsg.) – Queer Studies: Schlüsseltexte

Mike Laufenberg, Ben Trott (Hrsg.) - Queer Studies: Schlüsseltexte

Am Anfang war das Wort: Queer. Es bedeutet übersetzt so viel wie seltsam, komisch oder merkwürdig und war im englischsprachigen Raum lange Zeit ein beleidigender Begriff für… nun ja, queere Menschen. Denn wie so viele andere Begriffe auch wurde ‚Queer‘ Ende der 80er Jahre in der New Yorker Kunstwelt, von Aktivist*innen und in den schwul-lesbischen Subkulturen reklamiert, bevor der Begriff mit der heiligen Theorie gepaart wurde mit dem Ziel „eine andere Art des Denkens über das Sexuelle innerhalb der feministischen Theorie und der Gay and Lesbian Studies einzufordern“.

Queer Studies: Schlüsseltexte‘ herausgegeben von Mike Laufenberg und Ben Trott versammelt eine Vielzahl an Texten der Queer Theory und der Queer Studies, die hier zum ersten Mal auf Deutsch (übersetzt von Zacharias Wackwitz) vorliegen: „Bei dem Versuch, die Leser*innen mit den Analysen, theoretischen Innovationen, Polemiken und Debatten vertraut zu machen, die die anglophonen Queer Studies geprägt haben, waren wir bemüht, Theoretiker*innen und theoretische oder politische Traditionen einzubeziehen, die bislang deutlich weniger Aufmerksamkeit als andere in der deutschsprachigen Rezeption der Queer Studies erfahren haben“.

Dieser kurze Satz über die Zusammenstellung der Texte verrät gleichzeitig viel über die Queer Studies selbst, sind diese doch in verschiedenen Arbeitsfeldern beheimatet und bereit, lustvoll miteinander zu streiten und zu diskutieren. Was die Texte eint, ist ihr „Interesse an ähnlichen Themenfeldern“: In irgendeiner Form beschäftigen sie sich mit Normativität und Multidimensionalität in Bezug auf Sexualität und/oder Geschlecht.

Die knapp 100 Seiten lange Einleitung von Mike Laufenberg und Benn Trott zeichnet eine (von mehreren möglichen) Genealogie – oder um beim einleitenden Bild zu bleiben: eine Genesis – der Queer Studies und gibt einen Überblick über ihre Geschichte und ihre Konflikte, verortet aber auch die im Band versammelten Texte innerhalb dieser. Thematisch verhandeln die Beiträge Negativität und queere Futurität, die Verbindung der Queer und der Disability Studies, den historische Materialismus und Marxismus, den Reproduktiven Futurismus und die antisoziale Wende, die Queer-of-Color-Kritik oder die Rolle von Lesben in ACT UP.

Hervorzuheben ist zum einem die Auseinandersetzung des Bandes mit dem historischen Materialismus, beweisen diese Beiträge doch, dass die Queer Studies sich sehr wohl mit Kapital- und Klassenfragen beschäftigen – und das um einiges intelligenter als das, was hierzulande oft als partikularisierende Identitätspolitik abgeschrieben wird. Zum anderen beweisen Texte wie die von Ann Cvetkovich über ihre Zeit bei ACT UP, dass die Queer Studies mehr sind als ein rein akademisches Projekt, welches nichts mit der Realität zu tun hat, sondern sehr wohl eine aktivistische Strahlkraft entwickeln kann.

Wissenschaftlichen Texten wird in diesem Kontext gerne vorgeworfen, dass sie unnötig komplex geschrieben sind und dass ihre akademische Sprache verhindert, dass sie von Menschen außerhalb der Universität verstanden werden können. Ungeachtet der Tatsachen, dass dieser Behauptung bereits ein gewisser (herablassender) Klassismus innewohnt und die Texte in ‚Queer Studies‘ ganz unterschiedlich geschrieben sind, hat die Komplexität der Texte das Potential durch ihre Lektüre bessere und kritischere Leser*innen hervorzubringen. Diese Texte verlangen es, ernstgenommen zu werden und mit ihnen in den Dialog zu treten – auch weil sie ganz eindeutig keinen homogenen Diskurs abbilden.

Ich möchte diesen Text – ausnahmsweise – mit einer persönlichen Anekdote abschließen. Wir schreiben das Jahr 2011. Es ist ein Dienstagmorgen um 8:30 in einem der asbestverseuchten GB-Seminarräume an der Ruhr-Universität Bochum. Dieses noch sehr junge Arbeiterkind sitzt zu dieser gottlosen Stunde in seinem zweiten Semester der Komparatistik in einem Seminar, das sich voll und ganz dem Werk von Judith Butler verschrieben hat – also jener Autorin, deren Werk maßgeblich den deutschsprachigen Diskurs der Queer Studies geprägt hat. Das mag etwas viel Pathos sein, aber: Es war eines dieser Seminare, das mein Denken auf den Kopf gestellt hat. Ich habe mich das erste Mal mit Fragen rund um gender und sex beschäftigt, das erste Mal ‚Paris Is Burning‘ gesehen, und die Werkzeuge an die Hand bekommen, kritisch und ernsthaft mit einem Text in den Dialog zu treten, selbst wenn ich ihm nicht in allen Punkten zustimme (oder vielleicht auch gar nicht).

Für viele wird die Lektüre von ‚Queer Studies‘ ähnlich transformierend sein. Mike Laufenbergs und Ben Trotts erhellende Einleitung wird in Zukunft in Seminaren der Geisteswissenschaften, die sich in irgendeiner Form mit den Queer Studies befassen, zu den Standardtexten gehören. Mit dem Sammelband haben die beiden Herausgeber für den deutschsprachigen Raum eine ganz undogmatische Bibel der Queer Studies vorgelegt, dessen Texte nicht apokryph, sondern ganz und gar kanonisch sind. Und mit etwas Glück ist dieser Band der Ausgangspunkt für zahlreiche weitere Übersetzungen.

Queer Studies: Schlüsseltexte‘ enthält neben der Einleitung von Mike Laufenberg und Ben Trott Beiträge von Eve Kosofsky Sedgwick, Cathy J. Cohen, Judith Butler, José Esteban Muñoz, Robert McRuer, Ann Cvetkovich, Roderick A. Ferguson, Lee Edelmann, Gayatri Gopinath, Kevin Floyd, Karma R. Chávez und Petrus Liu.

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