Marlon James – Black Leopard, Red Wolf

2015 hat Marlon James für seinen vielstimmigen Roman A Brief History of Seven Killings als erster jamaikanischer Schriftsteller den Man Booker Prize gewonnen. Jetzt legt er mit dem Nachfolgewerk Black Leopard, Red Wolf den Auftakt zu einer literarischen Fantasy Trilogie vor, basierend auf einer Vielzahl afrikanischer Mythen – und voller queerer Charaktere.

„The boy is dead. There is nothing left to tell.“

Die Geschichte beginnt am Ende. Tracker ist Gefangener und erzählt. Von seiner Kindheit, seiner Mutter und seinem Vater, von denen er sich abwendet, und von dem schwarzen Leoparden, einem Gestaltwandler, mit denen er Mingi-Kinder rettet, die seine Familie werden könnten, gegen die er sich aber entscheidet, weil niemand niemanden liebt. Und von dem namenlosen Jungen, die er mit einer Gruppe schillernder Gestalten suchen soll. Die Gruppe besteht unter anderem aus einem Ogo, einer Hexe und einer Meerjungfrau.

Tracker ist für seine Nase bekannt. Wenn er den Geruch einer Person einmal kennt, kann er diesem bis ans Ende der Welt folgen. Doch die Geschichte über den Jungen ist so voller Widersprüche, dass Tracker sich schnell fragt, was Wahrheit und was Lüge ist. Der Roman nutzt die Tradition des mündlichen Erzählens als Reflektion über die Kraft der Wahrheit, aber auch über das Erzählen von Geschichten selbst. Was ist eine Geschichte? Was macht eine Geschichte erst zu einer Geschichte? Und wie viel Wahrheit kann eine Geschichte enthalten, wenn sie aus einer Perspektive erzählt wird?

Das Motiv der Suche ist ein typisches für das Fantasy-Genre. Oft ist es nicht viel mehr als ein MacGuffin, ein Objekt, dessen Sinn nur darin besteht, die Handlung voranzutreiben. Aber Tracker wird auch mit der Frage konfrontiert, warum er einen Jungen sucht, dessen Schicksal ihm nichts bedeutet. Was motiviert ihn, was treibt ihn an?

Die Charaktere im Roman sind alle scharf gezeichnet, vor allem dann, wenn ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Als westlicher Leser muss man unweigerlich an die Gefährten denken, wie The Lord of the Rings sie uns gezeigt hat. Doch hier gibt es keine freundschaftlichen Bande. Stattdessen gibt es Intrigen und Hinterhalte. Die zahlreichen Anfeindungen mögen sich zwischendurch in die Länge ziehen und arg konstruiert wirken, gerade dann, wenn sich die Figuren in ihrem derben Tonfall zu überbieten versuchen. Aber auch das ist Kalkül: Als Leser werden wir mit unseren unschuldigen und reinen Vorstellungen von Mythen konfrontiert.

Das gleiche trifft auch auf Trackers Sexualität zu. Sie ist körperlich, handfest und schmutzig. Trotzdem darf Tracker fühlen. Auch das falsche. Immer wieder muss er sich mit seinem einseitigen und herablassenden Verhalten gegenüber Frauen auseinandersetzen. Sowohl Sexualität als auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen werden im Roman nicht als eindeutig oder in irgendeiner Art sauber dargestellt. James scheut sich nicht davor, im Dreck zu suhlen und den Finger, in die Wunde zu legen, um die widersprüchliche Natur des Menschen zu portraitieren.

Neben all den literarischen und intellektuellen Spielereien muss ein Roman am Ende aber auch inhaltlich überzeugen. Glücklicherweise schafft Black Leopard, Red Wolf auch das. Es ist kein immer einfaches Buch, aber es steckt voller grandioser Ideen – zu viele, um sie hier alle aufzuzählen – die es schaffen zu faszinieren und auch zu verstören. Und wer weiß, vielleicht ist es im zweiten Buch der Dark-Star-Trilogie genau andersrum. Denn dieses wird die gleiche Geschichte noch einmal erzählen, nur aus einer vollkommen anderen Perspektive.

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