Annemarie Schwarzenbach – Eine Frau zu sehen

Annemarie Schwarzenbach - Eine Frau zu sehen

„Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf –“

1929, es ist Weihnachten. Im Hotel von M., in den Schweizer Alpen, fällt der Blick der namenlosen Erzählerin auf Ena Bernstein. Ein Blick, der ausreicht, um ihre Nächte mit Sehnsucht und Begehren zu füllen. Doch ist die junge Frau auch bereit für diese Liebe? Oder droht sie, ohne die Kraft des Alters, in ihre elementarsten Teilchen zu zerfallen?

Eine Frau zu sehen von Annemarie Schwarzenbach erzählt auf gerade einmal 65 Seiten die Geschichte vom entscheidenden Moment im Leben, der alles ändert und mit dem sich die Welt öffnet. Das schmale Büchlein vermag keine neue Geschichte zu erzählen, es beeindruckt stattdessen mit Form und Haltung. Im Hinblick auf das Schaffen anderer Autor*innen und auch ihr eigenes.

Schwarzenbachs journalistische und schriftstellerische Texte kreisen um das Außenseitertum, um eine getriebene Existenz, um die Einsamkeit. Ihre eigenen Erfahrungen verbirgt sie in ihren Romanen hinter einer männlichen Stimme. Ihre Liebe zu Erika Mann bleibt unerwidert, mit Klaus Mann teilt sie die Drogensucht.

Bereits 1928 ist der lesbische Klassiker The Well of Loneliness von Radclyffe Hall erschienen, der das Leben seiner Protagonistinnen als eine zum Scheitern verurteilte Existenz darstellt. Das Buch befand sich zur Zeit der Entstehung von Eine Frau zu sehen in der Familienbibliothek der Schwarzenbachs. Und so scheint der Text nicht nur eine Verarbeitung der eigenen Erfahrungen zu sein, sondern auch eine Reaktion auf den schon damals umstrittenen Klassiker.

Eine Frau zu sehen ist erstmals 2008 im Kein & Aber Verlag erschienen, nachdem man das namenlose Textfragment in ihrem Nachlass entdeckt hat. Mäandernd, aber selbstbewusst erzählt Schwarzenbach hier von der Liebe zweier Frauen, die sich trotz aller gesellschaftlichen Konventionen am Ende füreinander entscheiden. Schwarzenbach schreibt, dass das von dem wir erfüllt sind, nach Geburt drängt. Im Fall von Annemarie Schwarzenbach sind es nicht nur Einsamkeit und Leere, sondern auch Selbstbewusstsein und Hoffnung.

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