Yves Navarre – Vorbeugender Eingriff

Yves Navarre - Vorbeugender Eingriff

„Dieser Sohn, stark, intelligent, athletisch, mein Bruder, ging dem Vater und der Komplizenschaft zahlreicher Ärzte in die Falle. Er hat nie einen Gehirntumor gehabt. Er hat eingewilligt, sich in Barcelona operieren zu lassen. Die Lobotomie, die man an ihm vornahm, hatte in Wirklichkeit das Ziel, ihn gesund im Sinne des Vaters zu machen. Gesund, also nicht mehr homosexuell. Er kehrte halb taub, halb blind und leer zurück.“

In seinem 1980 erschienenen und mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman Vorbeugender Eingriff (im Original Le jardin d’acclimation, aus dem Französischen von Christel Kauder) erzählt Yves Navarre die Geschichte der Prouillans: Familienoberhaupt und Patriarchat Henri, Ehefrau Cécile, Schwester Suzy und die Kinder Luc, Claire, Sébastien und Bertrand. Weiteres Personal: der Pudel Pantalon, das Dienstmädchen Bernadette, Suzys verstorbener Ehemann und Theaterautor Jean. Reißt man ein Blatt ab, das noch grün ist, erzittert der Baum bis in seine Wurzeln. Im Falle der Prouillans ist dieses Blatt der jüngste Bruder Bertrand, der scheinbar nur noch als leere Hülle existiert.

20 Jahre später, es ist wieder der 9. Juli, jährt sich die Heimkehr des Bruders, die Familie Prouillan wird einmal mehr erschüttert. Man spricht sich von jeglicher Schuld frei, die dennoch für diese Menschen und ihr Leben die alles beherrschende Rolle spielt. Man hat sich abgewendet und macht doch fortwährend einen Vater nach, den man töten will und der einen tötet, weil die tatsächliche Ablösung wohl nur demjenigen möglich ist, der weiß, wie und wodurch er angebunden ist, auch wenn er niemals wissen muss, warum.

Vorbeugender Eingriff gehört zur Gattung des bürgerlichen Familienromans. Die taz schrieb in ihrem Nachruf zu Yves Navarre, der sich 1994 aufgrund von Depressionen das Leben genommen hat, dass er wie viele andere französische Schriftsteller*innen eine sanfte Revolution betrieben habe: „Anders als deutsche schwule Autoren gerierten sie sich nicht als schrille Pausenclowns, standen nicht in Opposition zur Gesellschaft, sondern strebten nach Einbindung, ja Repräsentanz. [Sie] waren gebildete Leute, spielten nicht den Bürgerschreck.“

Aber das ist eine einseitige Betrachtung. Navarre erzählt voller Zärtlichkeit von diesem einem alles bestimmenden Tag und von seinen größtenteils zutiefst unsympathischen Figuren, doch wenn er den Vorhang aufzieht, bleibt von der gutbürgerlichen Familie nicht viel Gutes übrig. Bertrand, der schwule Sohn, muss aus dem Weg geräumt werden, damit der Vater Henri ungestört seinen Ministerposten antreten kann. Der Homosexuelle reibt sich nicht bloß an der bürgerlichen Existenz, er droht sie zu zersprengen.

Die Familie offenbart sich als Teil eines grässlich zivilisierten Schauspiels, in dem jedes Mitglied das Drehbuch auswendig gelernt hat (Yves Navarre hat neben zahlreichen Roman auch mehrere Dramen verfasst). Ihre Dialoge und Gedanken sind jedoch durchzogen von den Worten Bertrands, er lässt sie auch 20 Jahre später nicht los. Er fasst seine Sexualität wie folgt zusammen: „Ich will eine Differenz ausleben, so wie andere – reg dich nicht auf, du gehörst zu denen – ihre Identität in der Indifferenz finden und sich zu Kulis der herrschenden Macht machen.“

Im Original ist der Roman nach dem ‚Jardin d’Acclimatation‘ benannt, einem Freizeitpark in Paris. Seit 1860 finden Besucher*innen hier Pflanzen und Vögel, die sich an das französische Klima akklimatisieren müssen – oder eingehen: „Zusammenfassung: Um uns zu akklimatisieren, deformiert man uns.“ Sanft klingt diese Revolution des Yves Navarre nicht.

Die Romane von Yves Navarre gehören mit zum Besten, was ich in den vergangenen Jahren an queerer Literatur entdecken durfte. Von seinem umfangreichen Werk wurde allerdings nur ein Bruchteil in Deutschland veröffentlicht – in Verlagen, die größtenteils nicht mehr existieren und in Übersetzungen, die, wie im vorliegenden Fall, etwas holperig daherkommen. Eine Neuentdeckung Yves Navarre wird es hierzulande vermutlich nicht geben, zu wünschen wäre sie aber allemal.

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