Yael Inokai – Ein simpler Eingriff

Yael Inokai - Ein simpler Eingriff

„Es war ein simpler Eingriff. Die Nachwirkungen konnten schmerzhaft sein, aber das ging vorüber. Dann fing etwas Neues an. So wurde es mir beigebracht. Daran hielt ich fest.“

Mit den Patientinnen spielt Meret Karten oder singt ein Lied, sie nimmt ihnen die Angst. Die Frauen müssen bei dem Eingriff wach sein, während sich der Chefarzt vorsichtig herantastet, um den Teil in ihrem Gehirn zu finden, den er zum Schlafen bringen will. Der Teil, von dem sie sagen: „Das bin ich nicht!“ Der simple Eingriff ermöglicht es den Frauen, in eine Zukunft entlassen zu werden, die dieses auch Wort verdient hat.

Yael Inokai erzählt in ihrem Roman Ein simpler Eingriff von körperlicher Autonomie und den Fragen, was ein gesunder Körper und was ein gesunder Verstand überhaupt sind. Ihre Protagonistin Meret folgt einer vorgegebenen Routine, die scheinbar keinen Widerspruch erlaubt. In allen Bereichen ihres Lebens hat sie eine Rolle mit festen Mustern zu spielen: Krankenschwester, Tochter, Schwester.

Alles dient dem Fortschritt, und dieser kann durchaus schmerzhaft sein. Zweifel schiebt Meret auch deswegen beiseite. Dann lernt sie Sarah kennen, mit der sie im Schwesternheim ein Zimmer teilt. Ihre Liebe liegt außerhalb der gesellschaftlichen Normen, auch an ihnen könnte man den simplen Eingriff durchführen. Meret ist gezwungen, ihre bisherigen Überzeugungen zu hinterfragen. Womöglich bedeutet, die Wut einer Person auslöschen zu wollen, die Person selbst zu vernichten, vielleicht sind wir die Summe unserer Teile. Auch die Frage nach Identität stellt Yael Inokai in das Zentrum ihres Romans.

Der Text enthält keine eindeutigen zeitlichen Markierungen. Autos, Telefone, Radios, Fahrräder, Fabriken – allein anhand dieser Hinweise lassen sich die Ereignisse einordnen. Eindeutig ist allerdings, dass wir uns innerhalb eines christlich-jüdischen Kontextes bewegen. Der Roman könnte sowohl in der nicht allzu fernen Vergangenheit spielen als auch in einer dystopisch anmutenden Zukunft. Ein simpler Eingriff liest sich auch deswegen wie eine Parabel.

Yael Inokai - Ein simpler Eingriff 02

Dafür spricht auch die Form des Romans. Das Buch besteht aus drei Teilen, die nach den Frauen benannt sind, die im Zentrum der Handlung stehen: Meret, Sarah und Marianne, eine Patientin, die Meret im Krankenhaus kennenlernt. Auch weil zwei der Namen hebräischer Herkunft sind, erinnert dieser Aufbau an die heiligen Schriften des Christen- und des Judentums. Die drei weiblichen Namen sind lediglich eine weitere Ebene, auf welcher der Roman Patriarchat und Matriarchat verhandelt.

Die nicht vorhandenen zeitlichen Markierungen scheinen mir aber auch eine Spiegelung des Inhalts zu sein. Sarah, die geliebte Merets, ist eine Frau ohne Vergangenheit: „Ich stamme von Geistern ab. (…) Meine Großeltern, meine Tanten, ich habe niemanden von ihnen kennengelernt. Die sind alle vor meiner Geburt gestorben. Was meinen Vater anbelangt … es gibt kein Bild von ihm. Ich habe die Haare und den Mund meiner Mutter, aber was an mir von ihm ist und Gott sich einfach so hat einfallen lassen …“ Assoziationen an den Nationalsozialismus und an die Schoah liegen nicht fern, auch weil der Text Hinweise auf ein Damals gibt, wo arbiträre Eigenschaften über Leben und Tod von Menschen entschieden haben.

Yael Inokais Roman Ein simpler Eingriff besticht durch seine zurückhaltende und klare Sprache, in seinen Zwischentönen eröffnen sich ganze (Bedeutungs)welten. Diese Offenheit ist alles andere simpel, sie ist Beweis dafür, dass Yael Inokai ihr Handwerk bestens versteht.

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