Tom Crewe – Das neue Leben

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Das neue Leben‘ (aus dem Englischen von Frank Heibert) ist der Debütroman von Tom Crewe, einem Historiker und Redakteur für die London Review of Books. Der historische Roman erzählt in fiktionalisierter Form aus dem Leben von John Addington Symonds und Havelock Ellis – im Roman John Addington und Henry Ellis – die gemeinsam das Buch ‚Sexual Inversion‘ geschrieben haben. Doch ihre Motive für den für ihre Zeit gefährlichen Text könnten gegensätzlicher nicht sein.

Tom Crewes Roman führt seine Leser*innen in das viktorianische England, eine Zeit also, in der Vorstellungen von Moral und Anstand die Gesetze prägen und Abweichen von der Norm bestraft wird – wie im Fall von Oscar Wilde, dessen Verurteilung zu zwei Jahre körperlicher Zwangsarbeit der Text auch thematisiert. Doch es ist auch eine Zeit der Reformen wie in Form des Vereins Das neue Leben: „Altes Denken musste von seinem Piedestal geholt, durchgenommen, ans Licht gebracht und zu, bestenfalls, gut gemachtem Schwindel erklärt werden. Praktische, greifbare Reformen mussten vorgeschlagen werden, aber einhergehend mit einer moralischen Regeneration. Eine neue Wirtschaft brauchte eine neue Ethik.

Der junge Henry entspricht nicht dem gängigen Männlichkeitsideal seiner Zeit. Er ist schrecklich schüchtern und zurückhaltend, mag es nicht im Mittelpunkt zu stehen. Doch in seinen Gedanken ist es dafür umso lauter, erst auf dem Papier explodieren seine Worte. Mit Edith, die er auf einer der Versammlungen von Das neue Leben kennen lernt, möchte er gemeinsam neue Wege gehen, die Grenzen des Möglichen in der alten Form der Ehe dehnen. Die beiden sind verheiratet, diskutieren ihre Schriften für Das neue Leben, arbeiten gemeinsam, doch teilen sie weder Wohnung noch Bett. Denn Edith ist lesbisch und liebt eine Frau und Henry wird von Gedanken an einen sexuellen Fetisch geplagt, über den er nicht zu sprechen vermag.

John Addington ist ein verheirateter Mann mit erwachsenen Töchtern. Erst spät im Leben hat er seinem homosexuellen Begehren nachgegeben. Flüchtige Begegnungen in dunklen Gassen oder mit jungen Soldaten, die er für ihre Dienste bezahlen muss. Sein Ideal, wie er es sich in Griechenland zu Zeiten Platons vorstellt, traut er sich nur aus der Ferne zu beobachten: „Der Tanz des Lichtes, der Klang des Wassers; Männer in der Gesellschaft von Männern, sorglos gelebte Nacktheit; alles natürlich, rein; die sauberen Freuden des Körpers. Manchmal, wenn er diese Männer in jenen leuchtenden Minuten betrachtete, erhaschte, bevor sie fortgingen an die Arbeit, ihre Körper betrachtete, die von harter Arbeit geformt und geprägt waren, dann sah er in ihnen eine andere Art des Lebens.

Als er an einer Badestelle für Männer den Arbeiter Frank kennen lernt, wird seine Zurückhaltung auf die Probe gestellt. Aufmerksam geworden durch seine Schriften über Whitman schreibt John Henry, um mit ihm einen wissenschaftliche Text über die sexuelle Inversion des Mannes zu schreiben. Beide Männer haben allerdings unterschiedliche Motive, die sie zu diesem gefährlichen Schritt animiert. John wünscht sich ein Leben in Freiheit, er möchte für Verständnis werben, die Gesetze ändern. Doch Henry ist an etwas Anderem interessiert, er möchte sich über die Auseinandersetzung mit der Sexualität der Wahrheit des menschlichen Wesens nähern. Das wird schmerzlich deutlich, als sich im Schatten des Oscar Wilde Skandals auch das Buch vor Gericht verteidigen muss.

Ein historischer Roman wie ‚Das neue Leben‘ muss sich unweigerlich einer Frage stellen: Wozu die fiktionalisierte Geschichte realer Personen neu erzählen, wenn diese Geschichte nichts Neues beizutragen hat zu dieser Wahrheit jenseits der Fakten, wie Crewe sein Vorhaben im Nachwort beschreibt. Immerhin gibt es in der Literatur genügend Gründe, um in Bezug auf reale Personen auf die Fiktion zurückzugreifen. Zum Beispiel bei Lücken in der Biografie, die uns dazu zwingen, auf unser Vorstellungsvermögen zurückzugreifen. Oder auch um Perspektiven zu erhellen, die bisher nicht erzählt wurden.

An dieser Stelle ist natürlich Henrys Ehefrau Edith zu nennen, die gemeinsam mit ihrer Partnerin im Laufe des Romans zwar durchaus an Form gewinnen, allerdings nur durch die Perspektiven ihrer männlichen Gegenüber. Und auch Henrys Fetisch wäre so eine Geschichte, die entsprechend der Scham ihrer Figur kaum ausgesprochen werden darf. So wirkt der Roman etwas zu brav und glatt (auch wenn immer wieder einmal das Wort ‚Schwanz‘ fällt). Das ist auch gerade deswegen enttäuschend ist, weil der Roman ja zeigen will, dass das viktorianische England sexuelles Begehren zwar unterdrückt, dieses Begehren deswegen aber nicht einfach verschwindet und umso gefährlicher unter der Oberfläche brodelt. Und so scheint der Roman eine Sexualmoral anzuprangern, die er im Angesicht eines Publikums reproduziert, dem man nur ein gewisses Maß an Sodomie, Vulgarität, Obszönität und Fetischen zutrauen kann oder will.

Auch gleichen Figurenzeichnungen teilweise einem bürgerlich liberalen Programm. Diese müssen natürlich nicht sympathisch sein, doch gleichen beispielsweise John Addington und seine Ehefrau über lange Strecken dem klischeehaften Bild des egoistischen Homosexuellen, der nur an seinem eigenen Glück interessiert ist, und der betrogenen homophoben Ehefrau, bevor sie in einer Reihe von Gesprächen zum Endes Romans hin – ähnlich einem Krimi, in dem die Figuren die verworrene Handlung nach Ergreifung des Täters noch einmal zusammenfassen – an Tiefe gewinnen. Es wirkt, als wollte man das Publikum nicht von Anfang mit allzu radikalen Vorstellungen einer neuen Gesellschaft, eines neuen Miteinanders konfrontieren.

Vielleicht handelt es sich dabei aber auch um reichlich viele Erwartungen an einen Debütroman, die er vielleicht auch gar nicht erfüllen mag. Denn vermutlich will ‚Das neue Leben‘ die Geschichte von John Addington Symonds und Havelock Ellis nicht neu erzählen, sondern vielmehr einer neuen Generation zur Verfügung stellen und somit dem Vergessen entreißen. Das ist ein nobles Vorhaben, welches Tom Crewe und seinem Roman auch recht kompetent gelingt.

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