Sarah Schulman – Rat Bohemia

Sarah Schulman - Rat Bohemia

Rita, eine auf Ratten spezialisierte Kammerjägerin, Killer, eine arbeitslose Frau, die sich etwas Geld mit dem Gießen von Blumen dazu verdient, und David, ein Schriftsteller, der an AIDS stirbt – sie sind die Bohème der Ratten. Sie rauchen, haben Sex und reden über Unsinn, weil sie es mögen. Doch die Zeiten haben sich seit der Beat Generation geändert: “Nowadays, with the economy the way it is, you can’t drop out or you’ll be homeless. You gotta function to be a boho. You have to meet the system head-on at least once in a while and that meeting, Rita, is very brutal. Nowadays you have to pay a very high price to become a bohemian.”

Es sind die frühen 90er und AIDS hat New York für immer verändert. Ratten, mindestens 10 Millionen, suchen die Stadt heim, sie sind Symbol und Metapher des Verfalls. Auch dieser Plage wird die Regierung nicht Herr. Also gräbt man Löcher, füllt sie mit Gift und wartet darauf, dass die Ratten an die Oberfläche flüchten, um sie der Reihe nach totzuschlagen. In einem ähnlich rasanten Tempo sterben die Menschen rund um Rita, Killer und David. Doch wie trauern, wenn der Tod allgegenwärtig ist?

In Zeiten von AIDS haben Geschichte und Erinnern ihre Bedeutung verloren. Wer soll sich erinnern, wenn ganze Freundeskreise, ganze Stadtteile wegsterben? Es liegt an Rita, einer lesbischen Frau, sich zu erinnern. Doch sie kann dem Versuch Davids, all seine Kraft darauf zu verwenden, dass man sich an ihn erinnern wird, nur mit einer gewissen Kälte begegnen. Zu viele sind gestorben, an die wenigsten kann sie sich noch im Detail erinnern. AIDS macht niemanden zu einem besseren Menschen, es macht sie mehr zu sich selbst.

Rat Bohemia von Sarah Schulman ist konsequenterweise auch ein Roman über Wahlfamilien. AIDS ändert nichts, denn nur ein toter Schwuler ist ein guter Schwuler. Rita, Killer und David wurden alle von ihren Familien aufgrund ihrer Sexualität verstoßen, trotzdem werden sie von dem schizophrenen Wunsch getrieben, von ihnen geliebt zu werden. Die Eindringlichkeit, mit der Sarah Schulman über diese Thematik schreibt, ist vermutlich auch ihrer eigenen Biographie geschuldet.

Rat Bohemia wird nicht chronologisch aus den Perspektiven der drei Figuren erzählt, stellenweise ergänzen sich diese. Und wie seine Figuren will sich auch die Handlung sich nicht wirklich fügen. Wie der Alltag von Rita, Killer und David besteht sie aus Gesprächen, Zigaretten und Sex, nur um seinen Leser*innen im entscheidenden Moment den Boden unter den Füßen zu entreißen.

Sarah Schulmans Rat Bohemia strahlt eine subtile Radikalität aus, welche mit einer mangelnden Beachtung seitens der Leser*innenschaft einhergeht. Schulman schreibt politische Texte, ohne deswegen auf ein Spiel mit der Form zu verzichten. Ihre Figuren erfüllen keine optimistischen Vorbildfunktionen, sie beinhalten – im Guten wie im Schlechten – die Fülle des menschlichen Spektrums. Ihre Romane wollen nicht politisch korrekt sein oder sich einem Sozialistischen Realismus verschreiben, deswegen sind sie aber auch nicht nihilistisch. Sie betrachtet und beschreibt die blutige Wunde, beschönigt und verschweigt nichts – und schreibt gegen den Status quo an.

Bereits in den frühen 80ern hat Sarah Schulman als Journalistin über AIDS geschrieben. Sie war aktives Mitglied in ACT UP und hat 2001 das ACT UP Oral History Project mitbegründet, für das sie 188 überlebende Mitglieder interviewt hat. 2010 hat sie darauf aufbauend die Dokumentation United in Anger: A History of ACT UP mitproduziert, erst dieses Jahr ist ihr fast 1000 Seiten schweres Sachbuch Let the Record Show: A Political History of ACT UP New York, 1987-1993 erschienen. Auf Deutsch sind Sarah Schulmans Texte im Argument Verlag erschienen.

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