Romain Butti – Ein Jahr in Berlin

Romain Butte - Ein Jahr in Berlin

Alle Wege führen nach Berlin. Wie die Motten zum Licht wandern sie in die Großstadt, die Kreativen, die Rastlosen, die Ziellosen. Wieso woanders hin?

Ihn führt es nach Berlin, um die Memoiren seiner Tante, einer erfolgreichen Galeristin, zu schreiben. Es ist ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist, denn seine Tante und er selbst sind ihm fremd und so ist der Versuch, ein fremdes Leben nachzuzeichnen der Versuch sich selbst zu verstehen. Und vielleicht auch deswegen muss uns dieser namenlose Erzähler durchweg so unnahbar erscheinen.

Auch Berlin bleibt ihm fremd. Die Stadt ist grau, anonym und hektisch. Doch davon bekommen wir nicht viel mit. Wir bleiben stets beim Erzähler, in seinen Gedanken, in seinen Inszenierungen des Erlebten und Empfundenen, in seiner eigenen Gedankenwelt. Lediglich in seinen oft dahinrasenden Sätzen können wir etwas von der Hektik spüren.

Dann lernt er in einer Bar den wunderschönen Greg kennen und verliebt sich in ihn. Greg, den es fortzieht in die Idylle der Natur. Und so werden Greg, sein Körper und die Natur zu Sehnsuchtsorten. Greg, der sich in der Efeutapete in der Galerie von Ida versteckt. Denn Greg beherrscht seine Gedanken. Immer wieder brechen Erinnerungen und Fantasien in den Alltag/den Text ein und lassen sich schwer voneinander unterscheiden.

Ein Jahr in Berlin von Romain Butti ist ein kurzer Text mit gerade einmal 100 Seiten über den Versuch sich selbst zu finden, von den Inseln, die wir sind, auszubrechen und eine Verbindung zu schlagen. Auch deswegen sind die Momente mit Greg jene, in denen der Protagonist authentisch zu wirken beginnt. Denn im Angesicht des Anderen offenbaren wir uns selbst.

Vielleicht führen nicht alle Wege nach Berlin, vielleicht führen manche Wege auch nur durch Berlin hindurch. Kein Ziel, sondern eine Wegstation. Vermutlich ist Ein Jahr in Berlin ein Text, der seine Leserschaft spaltet. Für manche banal, für solche, die seine Chiffren – weil bekannt – verstehen, ein Wiedererkennen oder auch eine Katharsis.

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