Queer | Beat zusammengestellt von Gunther Geltinger

die horen - Queer | Beat - zusammengestellt von Gunther Geltinger

die horen ist eine vierteljährlich erscheinende Literaturzeitschrift für Kunst, Kultur und Kritik, herausgegeben im Wallstein Verlag von Andreas Erb und Christof Hamann. Die aktuelle Ausgabe widmet sich dem Thema ‚furchtlos schreiben: Das Politische in der Literatur‘. Einen Takt, der Zauber verspricht, haben die verschiedenen Texten des von Gunther Geltinger zusammengestellten Kapitels ‚Queer | Beat: Die Sprache muss neu gewaschen werden‘.

Das Kapitel versammelt eine ganze Reihe an Texten von Autor*innen: Casjen Griesel, Alexander Graeff, Sasha Marianna Salzmann, Jayôme C. Robinet, Donat Blum und Gunther Geltinger. Außerdem dabei: Musik des Komponisten Marko Nikodijević.

Alle Texte haben gemeinsam, dass sie in irgendeiner Form die Macht von Sprache deutlich machen. Sie kann ausgrenzen, trennen, unterdrücken, aber auch ein Werkzeug des Widerstands sein. ‚Grindrlyrik: Sommer‘ von Casjen Griesel erzählt vom Online-Dating einer trans Person, davon wie Zuschreibungen von außen fetischisieren und entmenschlichen, aber auch davon, wie man sich durch das Erzählen davon freischreiben kann.

Windhund‘, ein Romanauszug von Alexander Graeff, erzählt vom Coming-of-Age des bisexuellen A. in den 80er und 90er Jahren, „jener Zeit von Breakdance, Aids und Tschernobyl, Steffi Graf und Boris Becker“, der politischen Bedeutung von Religion im Kontext sexueller Orientierung und einer Begegnung mit dem Löwenmensch. Sprache ist hier etwas, dass in mehrerlei Hinsicht ausgrenzt und trennt und auch intersektional gedacht werden muss. Die Kommunikation zwischen A. und dem Löwenmenschen scheitert an den verschiedenen Definitionen von Wörtern, aber auch am Klassenunterschied: zu verkopft, zu akademisch ist die Sprache des Gegenübers, Sprache macht sie einander fremd.

Jayôme C. Robinets Text ‚Blume ohne Stil‘ reflektiert das eigene queere Schreiben auch auf formaler Ebene und bewegt sich irgendwo zwischen Essay, Lyrik und Brief an eine Katze. Die Sprache muss neu gewaschen werden, sie schreibt sich in Körper ein, formt sie. Wer frei assoziiert, kann neue Bedeutungsebenen erreichen, ja, sogar neue Welten.

FROM RUSSIA WITH LOVE (to Masha Gessen)’ von Sasha Marianna Salzmann führt in die Sowjetunion unter Gorbatschow. Zwei junge Tänzerinnen auf Tourness wollen an einem freien Tag das Bolschoi-Theater besuchen und stoßen auf eine Menschenansammlung, die gegen den Artikel 121 protestieren, jenes Gesetz, das Homosexualität bis 1993 mit fünf Jahren Haft unter Strafe stellte. Das Setting ist historisch, die Themen sind es nicht.

Auch der Traum vom Coming-of-Age ist politisch, das zeigt nicht zuletzt der Erfolg der Netflix-Serie ‚Heartstopper‘, jener unbeschwerten Zeit der ersten Liebe, die so viele queere Menschen nicht hatten. Vom Traum, diese Zeit nachzuholen, schreibt Donat Blum in seinem Beitrag ‚Der Traum vom Älterwerden‘, der zwei Männer auf einen Ausflug aufs Land begleitet, wo das Gefühl der Scham und die argwöhnischen Blicke der Anwohner sie verfolgt.

In dem abschließenden Essay ‚Queer – Ein seltsames Rauschen?‘ beschreibt Gunther Geltinger sein Verständnis von queerer Literatur als ästhetisches Programm: „Queer tönt in Disharmonie zum Sound des Mainstreams, schlägt einen Takt an, der die mächtigen Rhythmen der Mehrheitsgesellschaft konterkariert.“ Erst das Schreiben ermöglicht ein Vorhandensein in dieser Welt, zu sagen: „Ich bin…“ – oder auch „ich würde“ oder „ich wäre“. Schreiben bedeutet hier sich dem Irrealis zu verschreiben, eine Abkehr von einer eindeutigen Definition von Identität. In diesem Sinne ist schreiben immer queer.

Die 30 geballten Seiten dieses Kapitels zeigen, dass diese Ästhetik des Widerstands mehr als ein Versprechen ist. Die Sprache queerer Literatur hat ihren eigenen Beat, ein Beat, der „Differenz produktiv umsetzt, anstatt diese in Machtverhältnisse zu verkehren.“

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