Paul Monette – Borrowed Time: An AIDS Memoir

Paul Monette - Borrowed Time

Borrowed Time. An AIDS Memoir ist ein Bericht über ein Leben, deren Ende in absehbarer Ferne liegt. Zwei Jahre bleiben Paul Monette und seinem an AIDS erkrankten Partner Roger Horwitz, den er bis zu seinem Tod pflegen wird. Ich besitze eine gebrauchte Ausgabe des Buches, welches Dennis Cope, dem Arzt von Horwitz gewidmet ist. Unter dieser Widmung hat jemand die Namen der beiden Männer mitsamt ihren Lebensdaten geschrieben (auch wenn diese tatsächlich um einige Jahre abweichen). Es sind ein paar hingekritzelte Buchstaben und Zahlen, die allzu leicht auszuradieren wären. Sie offenbaren jedoch den klaffenden Abgrund der Zeit, der zwischen diesen beiden viel zu frühen Tode liegt. Und damit sind sie Ausdruck dessen, was dieses Buch ausmacht.

„I don’t know if I will live to finish this.“

Paul Monette schreibt gegen den Tod, gegen das Vergessen an. Auch in ihm wütet bereits das AIDS Virus. Borrowed Time ist jedoch mehr als eine Elegie. Fast zehn Jahre sind er und Roger Horwitz bereits ein Paar, als die ersten Nachrichten aus New York von einer Krankheit, die sich nur unter Schwulen zu verbreiten scheint, an die Westküste gelangen. Diese zehn Jahre sind ein Wunder. Beide sind in den USA der 1960er Jahren aufgewachsen und beide mussten sie sich durch den Morast aus Scham wühlen, bis sie zu sich selbst und auch zueinanderfinden konnten: „…everything I brooded over from the ancient Greeks to Whitman. It all ceased to be literary. My life was a sort of amnesia till then, longing for something that couldn’t be true until I’d found the rest of me.“ Beide sind sie Absolventen von Harvard und Yale, der eine ist ein erfolgreicher Anwalt, der andere Schriftsteller. Sie reisen viel, setzen sich für wohltätige Zwecke ein, haben einen festen Freundeskreis. Fast meint man, eine Utopie zu erahnen, wie das Leben nach Stonewall hätte verlaufen können, wenn AIDS diesen brüchigen Fortschritt nicht ein Ende bereitet hätte.

Die Diagnose ändert alles und nichts. Einerseits muss das Leben irgendwie weitergehen, andererseits kann es das nicht einfach so. Trotzdem wird Roger bis zuletzt, sogar noch auf seinem Totenbett, als Anwalt arbeiten; Paul schreibt und veröffentlicht bis zu seinem Tod 1995 fast jährlich ein Buch.

„Does it all go to fast?“ – „You mean life?“ says Julian. „Just the summers.“

Der Alltag wird irgendwann trotzdem von der Krankheit bestimmt, die beiden leben rund um sie herum. Roger beginnt AZT einzunehmen, ein Medikament, das sich letzten Endes als wirkungslos erweisen wird. Immer wieder fährt Paul nach Mexiko, um neue Medikamente zu besorgen, die in den Vereinigten Staaten noch nicht genehmigt sind oder versucht im Untergrund alles über neue Behandlungsmethoden zu erfahren oder sein eigenes Wissen zu teilen. Ohne dabei je Roger als denjenigen zu identifizieren, dessen Leben davon abhängt. Präsident Reagan begegnet der Katastrophe währenddessen mit Schweigen, Hilfe ist nicht zu erwarten. Aber auch unter den Betroffenen wird oft über die Diagnose geschwiegen. Es grenzt beinahe an Schizophrenie, wenn Paul sich sowohl mit Fremden und als auch Freunden über das Virus austauscht, um Neues zu erfahren, keiner der Beteiligten aber eingestehen will, wieso diese Gespräche für sie so wichtig sind.

Der Kampf  gegen das Virus oszilliert bis zum Ende zwischen Hoffnung und Leugnung, auch als die Auswirkungen der Krankheit für Roger immer entwürdigender werden und Freunde und Ärzte Paul auf das kommende Ende vorbereiten wollen. Doch über den Tod wird nicht gesprochen. Vielleicht ist aber auch diese Leerstelle, dieses Schweigen, die einzige Möglichkeit, um darüber zu sprechen und zu schreiben.

Im Zusammenhang mit AIDS mag es grausam klingen, aber man darf nicht vergessen, wie privilegiert das Paar in ihrer unerschütterlichen Unterstützung füreinander ist. Auch wenn ihre Familie lange Zeit im Dunkeln bleibt, helfen sie den beiden nach besten Kräften, ohne sie zu verurteilen. Immer wieder hört Paul von Männern, die ihren Job verlieren und die, zu schwach um sich selbst zu versorgen, von ihren christlich fundamentalen Familien in dunklen Zimmern versteckt werden, wo sie allein in ihrem eigenen Dreck dahinsiechen und verrecken. Männer, von denen niemand mehr erzählen kann.Borrowed Time ist ein Buch wie ein Faustschlag. Ein Buch, dessen Wut und Pathos auch sprachlich eine seiner größten Stärken sind. Es ist Zeugnis zweier Menschen, die im Angesicht des Unfassbaren einen Kampf ausgefochten haben, den viele vergessen haben.

1 Kommentar zu „Paul Monette – Borrowed Time: An AIDS Memoir“

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