Hervé Guibert – Mitleidsprotokoll

Hervé Guibert - Mitleidsprotokoll

„Ja, ich muß es wirklich eingestehen, und ich glaube, dies ist das gemeinsame Schicksal aller auf den Tod Erkrankten, mag es auch jämmerlich und lachhaft sein, nachdem ich so sehr vom Tod geträumt habe, verspüre ich nun eine schreckliche Lust zu leben.“

Hervé Guiberts Mitleidsprotokoll erscheint 1991 (aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, 1992 im Rowohlt Verlag), nur ein Jahr nach Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat, der Roman, der ihn auch über Frankreich hinaus bekannt gemacht hat. Wie auch andere Schriftsteller, die an AIDS erkrankt sind (Paul Monette wäre beispielsweise an dieser Stelle zu nennen), erweist sich Guibert im Angesicht des Todes als äußerst produktiv.

Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat ist ein literarischer Verrat. Muzil, den die französische Presse schnell als den Philosophen Michel Foucault entschlüsselt hat, stirbt. Doch nicht wie bei seinem Tod 1984 offiziell verkündet an Krebs, sondern an AIDS. Auch das Mitleidsprotokoll beginnt mit solch einem Verrat. Der tote Tänzer, er bleibt anonym, ein Phantom, war Teil eines Studienprotokolls, dem Verzweiflungsprotokoll. Für ihn kam das heilsbringende Medikament DDI zu spät, nach nur 5 Tagen stirbt er. Guibert, den seine Ärzte in keine der in Frankreich laufenden Studien unterbringen können, erhält, vom Bett des Toten gestohlen, die restlichen Dosen des Medikaments. Er verspricht zu schweigen und beginnt nur wenig später das Mitleidsprotokoll zu schreiben. Denn für viele der an AIDS erkrankten Autoren galt: Ich schreibe, also lebe ich.

Mitleidsprotokoll ist ein Protokoll des körperlichen Verfalls. Guibert ist Mitte 30, sein Körper ist der eines alten Greis. Als er in einem Café stolpert, kann er nicht mehr allein aufstehen, die einfachsten Bewegungen bereiten ihm Schmerzen. Mit dem Tod im Nacken seziert er seine Seele, stellt „allerhand Untersuchungen an, Querschnittnegative, Kernspinnuntersuchungen, Endoskopien, Röntgenbilder und Scanneruntersuchungen“. Trotz aller Versuche der Literatur, des Films und der bildenden Kunst den Tod zu dramatisieren, ist er vor allem Routine, eine langweilige Angelegenheit. Distanziert, nüchtern und fern jeglicher Gefühlsduselei zeichnet Guibert seine regelmäßigen Arztbesuche auf. Darunter auch der Bericht einer grausamen und entmenschlichenden Magenspiegelung ohne Betäubung, bei der er sich den Schlauch aus den Tiefen seines Körpers reißt.

In Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat war es AZT (ein Medikament, welches sich letzten Endes als vollkommen wirkungslos erwiesen hat), im Mitleidsprotokoll ist es DDI. Das Medikament gibt Guibert Aufschwung, er erfreut sich an den banalen Dingen des Lebens: mit Freunden essen gehen, einen hochbekommen, bald vielleicht wieder vögeln. Dazu gehört auch das Schreiben, in dessen Dynamik trotz allem eine gewisse Fröhlichkeit liegt, etwas Unvorhergesehenes.

Er stattet seine Wohnung mit Fotografien aus, die er in Antiquariaten erwirbt. Der Leib der Phantome, wie er sie nennt und damit auch unweigerlich sich selbst beschreibt. Guibert, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Fotograf tätig war (Phantomparadies, Salzgeber Berlin), dreht parallel einen Film über seinen körperlichen Film. La Pudeur ou l’impudeur (dt.: Die Scham oder die Schamlosigkeit) wurde nach seinem Tod im französischen Fernsehen ausgestrahlt und sorgte für einen weiteren Skandal, lenkte die Debatte um AIDS aber auch in eine neue Richtung.

„Mir scheint, was ich hervorgebracht habe, ist ein barbarisches und zartfühlendes Werk.“, schreibt Guibert auf den Vorwurf, seine Texte seien boshaft und vom Verrat durchzogen. Tatsächlich scheint Guibert selbst das treffendste Fazit seines literarischen Schaffens gezogen zu haben, indem er sich auf Marquis de Sade bezieht. Mitleidsprotokoll ist Radikalliteratur, die frei von jeglichen Sentimentalitäten provoziert und deswegen so effektiv ist. Hervé Guiberts Werk ist fester Bestandteil des LGBTQ Kanons. Dass der Schriftsteller hierzulande größtenteils in Vergessenheit geraten ist, hat vor allem damit zu tun, dass seine Texte nur noch antiquarisch erhältlich sind. Vielleicht ändert sich das mit dem kommenden Herbstprogramm. Der August Verlag legt Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat neu auf und veröffentlicht zum ersten Mal in deutscher Übersetzung Guiberts (ebenfalls in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel) Zytomegalievirus: Krankenhaustagebuch.

Am 27. Dezember 1991 stirbt Hervé Guibert im Alter von 36 Jahren an den Folgen eines wenige Wochen zuvor unternommenen Selbstmordversuchs. Bereits im Mitleidsprotokoll, so verkündet Guibert seinen Lesern auf den ersten Seiten, hat er sich auf diesen finalen Schritt vorbereitet.

1 Kommentar zu „Hervé Guibert – Mitleidsprotokoll“

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