Oisín McKenna – Hitzetage

Sie betrachtet den Wal und sieht sich selbst in ihm. Wir wissen nicht, wie der Wal hierhergekommen ist. Verängstigt durch Manöver der NATO? Ist seine Umwelt durch das Schmelzen des arktischen Eises zerstört worden? So oder so, Valerie weiß, wie es sich anfühlt, sich durchs Leben zu bewegen, im Lauf der Zeit auf Ereignisse zu reagieren, und dann, eines Tages, ganz unbeabsichtigt meilenweit vom eigenen Ausgangspunkt entfernt zu sein, ohne jede Rückkehrmöglichkeit.

London: Juni, 2019. Neben der unerträglichen Hitze, welche die gesamte Stadt zum Erliegen bringt, werden die Gespräche von einem einzigen Thema dominiert: Ein Wal steckt in der Themse fest. Ähnlich geht es den Figuren von Oisín McKennas Debütroman ‚Hitzetage‘ (aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec). Auch sie wissen, mit den kleinen und großen Dramen des Lebens konfrontiert, weder vor noch zurück. Sie alle warten darauf, dass etwas passiert. An diesem alles entscheidenden Wochenende, in dessen Zentrum der Roman steht, müssen sie endlich selbst eine Entscheidung treffen.

Für das diverse Ensemble an Romanfiguren ist London die Projektionsfläche all ihrer Wünsche, die Stadt gehört aber wie Maggie, Phil und Ed zu den Protagonist*innen des Romans. Hier scheint alles möglich, hier hoffen sie die Menschen zu werden, die sie schon immer sein wollten. Wie die meisten Menschen entzieht sich auch die Stadt denen an sie gestellten Erwartungen. Auch sie ändert sich, nicht zuletzt durch die stetig voranschreitende Gentrifizierung, und am Ende sieht die erhoffte Transformation für alle anders als erwartet aus.

Maggie wollte eigentlich Künstlerin werden, mit Anfang 30 hat sie ihren Traum scheinbar aufgegeben und kommt als Kellnerin gerade so über die Runden. Im Angesicht einer unerwarteten Schwangerschaft sieht sie sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sie nach Basildon, dem verhassten Kaff ihrer Kindheit, zurückkehren muss. Währenddessen wird ihre Jugendliebe und der Vater ihres Kindes Ed von Panikattacken heimgesucht. Er will ein guter Vater sein, für Maggie und ihr gemeinsames Kind, doch wie soll er all die Rechnungen bezahlen? Und was sagt es über ihn aus, dass er darüber nachdenkt, auf einer öffentlichen Toilette einem Mann in die Kabine zu folgen? Abgerundet wird das Trio durch Phil, Maggies bestem Freund seit Kindheitstagen. Seine Wohngemeinschaft soll der Gentrifizierung weichen, eine letzte WG-Party setzt ihn nicht nur auf Konfrontationskurs mit seinem vergebenen Mitbewohner, in den er unglücklich verliebt ist, sondern auch mit einem vergangenen und längst nicht verarbeiteten Trauma.

McKennas Figuren suchen alle nach etwas, das sie in den Augen der anderen legitimiert. Sei es die Kernfamilie mit Kind, eine monogame Beziehung oder ein stabiler Job mit einem festen Einkommen. Sie sind gelähmt von der Angst, das richtige Leben verpasst zu haben. Dabei verhandelt der Roman auch die Frage nach der Definition von Familie und Zuhause und die Grenzen der Sprache. Denn nicht alles lässt sich mit Worten ausdrücken, vor allem, wenn unsere persönlichen Wörterbücher für die gleichen Worte unterschiedliche Definitionen parat halten. Letzten Endes erzählt ‚Hitzetage‘ aber vor allem von dem zutiefst menschlichen Bedürfnis, in den Augen eines Gegenübers Gestalt anzunehmen.

Den Roman als Ausdruck vom Gefühl einer Generation zu verstehen, wäre jedoch verfehlt. Denn neben Maggie, Phil und Ed setzt McKenna immer wieder den Fokus auf weitere Figuren, auf Freund*innen und Familie, auf ihre Eltern und Geschwister, auf flüchtige Bekannte. Das Narrativ verweigert sich dabei der üblichen Dramatik, in der die Handlungen einer oder einiger weniger Figuren als moralisch verwerflich geframed werden, um Leser*innen zu signalisieren, auf wessen Seite sie stehen dürfen. Vielmehr verfolgt McKenna eine Hermeneutik der Empathie: jede einzelne Figur lässt sich nur über die Gemeinschaft verstehen, die Gemeinschaft nur über die*den einzelnen.

Oisín McKenna macht das ohne Kitsch, aber mit viel Liebe. Vor allem wird deutlich, dass ‚Hitzetage‘ das Werk eines Autors ist, dem etwas am Menschen liegt.

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