Norma Schneider – Queer. 100 Seiten

Hinter dem Begriff »queer« verbirgt sich eine große Vielfalt: Queere Menschen haben ganz unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, queer ist, was Kategorien sprengt und Vorstellungen davon, was »normal oder natürlich« ist, in Frage stellt.

Was bedeutet eigentlich dieses ‚queer‘? Die Journalistin und Sachbuchautorin Norma Schneider hat mit ‚Queer‘ die Reclam-Reihe ‚100 Seiten‘ um einen Beitrag reicher gemacht – der am besten allen in die Hände gedrückt werden sollte, die eine Antwort auf diese Frage suchen.

Das Format von genau 100 Seiten könnte bei einem riesigen, kaum zu greifenden Begriff wie ‚queer‘ dazu veranlassen, den Text auf Altbekanntes zu beschränken und die gängigen Fakten kurz und bündig zusammenzufassen. Natürlich tut Norma Schneider auch das (äußerst kompetent sogar), indem sie Begriffe wie trans, non-binär und queer erläutert oder die queere Emanzipationsbewegung historisch, politisch und gesellschaftlich einordnet. In 8 Kapiteln deckt sie Themen wie queere Identitäten, Beziehungsweisen, die Queer Theory, Queerfeindlichkeit, den Kampf um gleiche Rechte und Queer Culture ab. Gleichzeitig lässt sie aber auch Raum für Ambivalenzen und Widersprüche, sie zeigt, dass ‚queer‘ mehr bedeutet als sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität und wagt es, von queeren Utopien zu träumen. Schneider, die intensiv zu queeren Bewegungen im ‚postsowjetischen Raum‘ forscht und mit Menschen vor Ort gesprochen hat, lässt auch für diese nur zu gern übersehene Perspektive Platz in ihrem Text.

Der Reclam Verlag beschreibt die Reihe ‚100 Seiten‘ als „[u]nterhaltsames Wissen für Neugierige und Fans“. Überblickstexte stehen immer vor der leidigen Herausforderung, dass Eingeweihte all das bemängeln, was im Text zu kurz kommt, oder dass sie auflisten, was unbedingt hätte inkludiert oder am besten gleich hätte weggelassen werden müssen (und auch ich ertappe mich selbstverständlich immer wieder dabei, auch wenn ich es mittlerweile nun wirklich besser wissen müsste). Idealleser*innen dieses kleinen Büchleins sind aber eh all jene, die mehr wissen, die vielleicht ihre queeren Kinder besser verstehen wollen und sich noch nicht dem Gespräch verschlossen haben. Denn Schneider zeigt sehr anschaulich, wie wichtig Verständnis und Respekt sind und das bereits kleine Gesten viel ausmachen können. ‚Queer‘ ist aber auch jene, die ihre eigene Identität gerade erst entdecken und noch nach Orientierung suchen. Wer sich in eines der im Buch vorgestellten Themen tiefer einlesen möchte, findet in den weiterführenden Lektüretipps dann auch einen guten Anhaltspunkt (full transparency: ‚Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm‘ ist eines dieser hier aufgeführten Bücher).

Praktisch, rechteckig gut: Mit ‚Queer‘ hat Norma Schneider ein Handbuch geschrieben, dass aufklärt, ohne zu belehren, dass gute Gegenargumente für alle möglichen Stammtischparolen liefert, Neugierigen einen ersten Überblick über all things queer liefert – und Neuankömmlingen ein verständnisvoller Wegbegleiter und Reiseführer sein wird.

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