„Sie versucht, das Opoponax darzustellen, aber es führt zu nichts, darum fasst Catherine Legrand den Entschluss, die Striche durch Wörter zu ersetzen. Sie schreibt also in großen Buchstaben oben in die Mitte der zweiten Seite OPOPONAX, und sie macht einen Doppelpunkt und schreibt dahinter, kann sich ausdehnen. Man kann es nicht beschreiben, weil es ständig seine Form verändert. Es gehört weder zum Tierreich noch zum Pflanzenreich, noch zum Mineralreich, ist also nicht einzuordnen. Naturell launisch, es ist ratsam, das Opoponax zu meiden.“
Monique Wittig (1935-2003) ist hierzulande vor allem als feministische Theoretikerin bekannt, die im Merve Verlag veröffentlichten Schriften ‚Der lesbische Körper‘ (aus dem Französischen von Christian Driesch & Arabel Summent) und ‚Das straighte Denken‘ (aus dem Französischen von Benjamin Bittmann & Arabel Summent) gehören zu ihren wohl bekanntesten Texten. Aber ebenso als Übersetzerin war sie tätig, sie lehrte an amerikanischen Universitäten Literaturwissenschaft und verfasste Theaterstücke und Romane. Ihr 1964 veröffentlichte Debütroman ‚Opoponax‘ (aus dem Französischen von Elmar Tophoven) wurde dann auch direkt mit dem renommierten Prix Médicis ausgezeichnet. ‚Opoponax‘ erzählt die Entwicklungs- oder, um es etwas moderner auszudrücken, die Coming-of-Age-Geschichte des jungen Mädchens Catherine Legand, ihrer Kindheit, ihrer Jugend und ihrer ersten Liebe zu einem anderen Mädchen. Die klassischen Themen eines vermeintlich typischen Klassikers also.
‚Opoponax‘ hat keine Handlung im klassischen Sinn. In den sieben Kapiteln, die keine Titel tragen und auch nicht nummeriert sind, reihen sich die Szenen einer Kindheit ohne Absatz und ohne Zusammenhang aneinander: Schulausflüge, Unterricht, die große Pause, Messebesuche, Abenteuer im Wald, aber auch die erste Konfrontation mit dem Tod: „Fräulein schreibt mit Tinte das Datum oben auf die Seiten, die vollgeschrieben werden müssen. Catherine Legrand sitzt allein auf der Bank, allein in der Reihe, allein an der Wand. Die Wand hat ein Fenster, das fast bis zur Decke reicht. Man sieht nur den Himmel. […] Man versucht, zu Atem zu kommen. Man sieht, dass Denise Joubert aus dem Apfelbaum springt und schnell auf den Bach zurennt. Der Hund hinterher. Herr Pégas hinterher. Er schreit die ganze Zeit, Du Rotzgöre, du Diebin, wenn ich dich kriege, wirst du was erleben. eine Tracht Prügel kriegst du, du Diebin.“ In dieser exzessiven Aneinanderreihung tritt die Zeitlichkeit der Kindheit mit ihren ganz eigenen Regeln zutage, diese kennt nur den Moment und erscheint doch zugleich unendlich. Dahinter steckt jedoch noch etwas Anderes.
Monique Wittig arbeitete für den Verlag Les Editions de Minuit, wo viele der Texte veröffentlicht wurden, die später unter dem Begriff ‚Nouveau roman‘ zusammengefasst wurden. Nicht zuletzt infolge des Zweiten Weltkrieges und der Schreckensbilder, die an die Öffentlichkeit gelangten, empfand die junge Generation von Autor*innen eine Diskrepanz zwischen der erlebten Wirklichkeit und jener, die in Romanen als gewöhnlich dargestellt wurde. Ihre Vertreter*innen versuchten durch die Auflösung von Einheiten wie der Handlung oder durch die Konzentration auf vermeintliche Belanglosigkeiten mit bürgerlichen Gewissheiten zu brechen. Für Monique Wittig gehörte dazu auch die binäre Geschlechterordnung: „Catherine Legrand trägt eine lange Hose, die an den Beinen klebt, wenn es kalt ist. Sie ist lästig, beim Gehen fühlt sie sie überall, sie hat zwei Beine, ja, und die Naht zwischen den Beinen hindert sie beim Gehen. Man sollte keine lange Hose anziehen, wenn man ein Mädchen ist. Man hat das nicht gern, weil man zwei wird, Catherine Legdrand und auch das, was in der langen Hose ist und was eigentlich nicht Catherine Legrand ist. Vielleicht ist Catherine Legrand das einzige Mädchen, das eine lange Hose anhat und eigentlich kein Mädchen ist.“
Bereits 1978 verkündete Monique Wittig auf einer Konferenz: „Ich bin eine Lesbe, keine Frau.“ Diesen Gedanken konkretisierte sie schließlich in ihren 1992 veröffentlichten und zwischen 1980 und 1990 geschriebenen Schriften aus ‚Das straighte Denken‘ – und deren Spuren sich offenbar bereits in ihrem Debütroman entdecken lassen. Wittig war eine Vertreterin des second-wave-Feminismus und beschrieb mit dem ‚materialist lesbianism‘ Heterosexualität als ein politisches System, das Frauen unterdrückt und ausbeutet. Eine Frau zeichnet sich ihr zufolge durch ihre soziale Beziehung zu einem Mann aus – einer Beziehung, der sich Lesben bewusst entziehen und somit auch den geschlechtlichen Kategorien von Mann und Frau.
‚Opoponax‘ wird oft als die universelle Geschichte einer Kindheit beschrieben, da Wittigs Sprache objektiv und beschreibend ist. Dabei hinterfragt der Roman viel mehr, was wir als universell begreifen, und zeichnet infolgedessen eine lesbische Subjektwerdung nach. Zum einem stellt Monique Wittig die seinerzeit gängigen Konventionen des Entwicklungsromans auf den Kopf, indem sie zwei Mädchen sich ineinander verlieben lässt (was vielen Rezipienten auch entgangen sein mag, weil Wittig diese Liebe in keiner Weise problematisiert). Zum anderen verzichtet Wittig auf Pronomen wie ‚er‘ und sie‘ und beschränkt sich auf das Indefinitpronomen ‚man‘ (im französischen Original ‚on‘) – oder sie schreibt die vollen Namen aus. Eine Zuordnung von geschlechtlichen Zuschreibungen ist unmöglich, denn alle spielen, angeln, stellen Unsinn an, schießen mit dem Gewehr, lernen, stellen Unsinn an, etc.
Spätestens seitdem Judith Butler ihr 1991 in ‚Das Unbehagen der Geschlechter‘ (aus dem Amerikanischen von Kathrina Menke) ein eigenes Kapitel widmete, wird Monique als Vorreiterin der Queer Theory rezipiert. Dass Anne Garréta mit ‚Sphinx‘ (aus dem Französischzen von Alexandra Baisch) eine Liebesgeschichte erzählt, die bis zum Ende nicht das Geschlecht ihrer beiden Protagonist*innen verrät, wäre ohne Wittig kaum denkbar, ebenso wenig die vielen Sprachspiele verschiedenster Autor*innen mit Neopronomen. Dass hierzulande die Rezeption eher verhalten war, liegt sicher auch daran, dass ihre theoretischen Schriften erst in den vergangenen Jahren im Merve Verlag erschienen sind und dass die deutsche Übersetzung von ‚Opoponax‘ lange Zeit vergriffen, nachdem der Roman 1966 ursprünglich im Rowohlt Verlag erschien. Nun ist dieser feministische und queere Klassiker einem neuen Publikum dank des Czernin Verlags wieder zugänglich – und das sogar mit Farbschnitt! Auch wenn die immer gleichen Satzstruktur sicherlich Ermüdungserscheinungen hervorrufen kann, lohnt die Lektüre dieses queeren Klassikers weiterhin. Nicht nur, weil ‚Opoponax‘ neuere Texte in einen Kontext setzt, sondern auch weil Wittig ganz zeitlos von dem Streben nach Freiheit erzählt.