Marguerite Yourcenar – Alexis oder der vergebliche Kampf

Marguerite Yourcenar - Alexis oder der vergebliche Kampf

Marguerite Yourcenar gehört wie auch beispielsweise Mary Renault zu einer Reihe lesbischer Autorinnen, die in ihren Romanen nur über die männliche Homosexualität geschrieben haben. Erklärungsversuche laufen oft auf einfallslose Theorien hinaus, denen zufolge Yourcenar durch einen literarischen Stellvertreter ihres Vaters die geliebte Stiefmutter begehren konnte. Vielleicht muss man sich für aber nicht einmal der Psychoanalyse zuwenden, vielleicht reicht ein Blick auf die historischen und kulturellen Bedingungen der Literaturproduktion. Denn über die männliche Homosexualität zu schreiben war lange Zeit unerhört, die weibliche Homosexualität aber war undenkbar. Und wer auf der sicheren Seite sein möchte, hört einfach auf das, was die Autorin selbst zu sagen hat: Eine Frau konnte sie in ihren Text nicht in den Mittelpunk stellen, ihr Leben war für sie zu begrenzt oder zu geheim.

Um überhaupt über die männliche Homosexualität schreiben zu können, wandten sich viele dieser Frauen weit in der Vergangenheit liegenden Epochen in fernen Ländern zu, so wie es auch Yourcenar in ihren Romanen Ich zähmte die Wölfin: Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian (1951) und Die schwarze Flame (1968) getan hat. Ihr 1929 erschienener Debütroman Alexis oder der vergebliche Kampf (aus dem Französischen von Peter Gan) bildet diesbezüglich eine Ausnahme, er spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch Alexis, der Name des Protagonisten, ist ein Rückgriff auf längst Vergangenes. Wie auch André Gide es in seinem Corydon getan hat, ließ sich Yourcenar bezüglich des Namens ihrer Hauptfigur von Vergils Hirtengedichten inspirieren.

Alexis ist der letzte Nachfahre einer veralteten böhmischen Adelsfamilie. Seine von wohlmeinenden Verwandten arrangierte Ehe mit Monika hat seine gesellschaftliche Stellung verbessert. Trotzdem führt er als Musiklehrer in Wien ein bescheidenes Leben. Dann, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, verlässt er seine Frau. In einem langen Brief versucht er sich zu erklären, doch auch der längste Brief „zwingt uns, die Dinge gegen ihren Willen zu vereinfachen.“ Der Grund lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Alexis ist homosexuell. Der Begriff selbst wird in dem Briefroman kein einziges Mal verwendet. Marguerite Yourcenar ist literarisch eher mit André Gide verwandt als mit Marcel Proust, doch letzterer hegte wie auch sie eine Abneigung gegen den klinischen Begriff der Homosexualität. Das verwundert wenig, verschob er damals doch lediglich den damaligen Diskurs von der Homosexualität als Sünde und moralischem Verfall zur Homosexualität als Krankheitsbild.

Alexis erzählt Monika, die ihm auch in der Ehe stets fremd geblieben ist, sein Leben von Beginn an, von den „Augenblicken, wo wir unser späteres Wesen auf unbegreifliche und beinahe schreckliche Weise vorwegnehmen.“ Schon früh wird ihm seine Andersartigkeit bewusst. Es ist schlimmer dem körperlichen Verlangen einmal als keinmal nachzugeben, denn die Wollust macht uns schrecklich bewusst, dass wir einen Körper haben. Alexis wird zum Einsiedler, denkt an Selbstmord. Letzten Endes rettet er sich in eine Ehe und in die Vorstellung der moralischen Reinheit. Explizit wird er in seinen Beschreibungen nie. Marguerite Yourcenar orientierte sich an den klassischen Autor*innen der französischen Literatur, sie übte sich stets gekonnt in Zurückhaltung.

Alexis oder der vergebliche Kampf scheint die klassischen Motive der apologetischen schwulen Literatur zu bedienen und die Geschichte eines Mannes zu erzählen, den seine Sexualität in eine Spirale des Unglücks stürzt. Der Briefroman ist jedoch vielmehr eine intime psychologische Studie darüber, wie ein Mann von den Vorurteilen seiner Zeit an den Abgrund gedrängt findet und anstatt zu springen, sich für die Freiheit entscheidet. Alexis erkennt in seiner Homosexualität und dem körperlichen Begehren etwas durch und durch Natürliches. In dieser Hinsicht darf man diesen durch und durch klassischen Text als revolutionär verstehen.

Marguerite Yourcenar wurde am 08.06.1903 in Brüssel geboren. Über 40 Jahre war sie mit der Amerikanerin Grace Frick in einer Beziehung, die auch ihre Texte ins Englische übersetzte. Neben ihren Romanen hat sie auch einflussreiche Essays zu Konstantinos Kavafis und Yukio Mishima geschrieben. 1980 wurde sie als erste Frau in die Académie française aufgenommen. Marguerite Yourcenar ist am 17.12.1987 in Northeast Harbor, Maine verstorben.

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