Margaret Goldsmith – Patience geht vorüber

Margaret Goldsmith - Patience geht vorüber

Ein Buch wie es das Leben schreibt. Ohne Höhen und Tiefen, Patience geht vorüber. An den Frauen und Männern, den Konventionen, der Zeit.

Außen gelassen, innen grüblerisch. Zwei Seelen, eine deutsche und eine englische, schlagen in der Brust von Patience. Da benötigt man den Mut zum Weltbürgertum, darauf kann man stolz sein: „Das ist eine Sorte Snobismus und ein Maß Snobismus ist doch schön.“ Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges kommt alles Gerede vom Internationen, auch unter den liberal gesinnten, zum Erliegen. Eine Seite muss man wählen, Farbe bekennen. Doch Patience kann unmöglich einen Teil ihrer selbst aufgeben. Sie steht zwischen den Stühlen, sie ist eine Outsiderin.


Nur Grete liebt sie, selbst als sie für kurze Zeit mit dem Soldaten Johannes verheiratet ist. Doch auch dieses Liebe muss ein Ende finden, es ist die Politik, die sich zwischen die beiden stellt. Beide sind sie überzeugte Sozialistinnen, dann beginnt Grete ihre Ideale über das Individuum zu stellen. Patience muss ihren eigenen Weg gehen.

Wir begleiten Patience nach England, wo sie als Journalistin arbeitet und die Kreise der Bloomsbury Gruppe eingeführt wird. Oder zumindest für Leser*innen unschwer zu erkennen als die fiktionalisierte Version eben jener Gruppe. Aber auch diese lässt Patience allzu schnell hinter sich. Entgegen all ihrer Behauptungen sind sie alten Traditionen verhaftet. Sie zermartern sich das Hirn und sagen viel, was sie dann aber nicht in die Tat umsetzen.

Patience hat sich mit der neuen Sachlichkeit angefreundet. Sie hat sich von der Moral befreit und sie durch ein Maß des guten Geschmacks ersetzt. Wozu Liebe, wenn man als moderne Frau über dieser stehen kann? Technik ist alles.

Mit Patience geht vorüber von Margaret Goldsmith hat der AvivA Verlag einen in Vergessenheit geratenen Text ausgegraben, der von der zeitgenössischen Kritik schändlich missachtet wurde. Aber der Fund hat sich gelohnt, denn auch noch heute liest sich der Roman äußerst schmissig und modern. Mehr als das, er portraitiert eine emanzipierte Heldin, die damals wie heute mit Rollenklischees aufzuräumen weiß.

Patience verweigert sich den gesellschaftlichen Konventionen, Margaret Goldsmith pfeift auf die narrativen Konventionen. Sie verzichtet auf Steigung, Höhepunkt und den zwangsläufigen Fall bis zur Auflösung des Konflikts. Der Roman erzählt vom Umbruch einer Epoche, doch die Figuren sind keine Verkörperung der Zeit oder ihrer Strömungen. Sie sind und bleiben stets menschlich.

Mindestens genauso interessant wie der Roman ist auch Patience Schöpferin Margaret Goldsmith. Wenig ist über die Autorin bekannt, doch die wenigen Informationen, die vorliegen, sind faszinierend. Goldsmith war als Literaturvermittlerin, -agentin und -übersetzerin tätig, auch auf politischer Ebene hat sie Spuren hinterlassen. Spuren, die es noch zu erforschen gilt. Dass es dazu einen ersten Ansatz gibt, ist Eckhard Gruber zu verdanken, der den Roman herausgegeben und auch das ausführliche Nachwort geschrieben hat. Und vielleicht ist dieses Nachwort ja auch der erste zarte Ansatz für eine Biografie über Margaret Goldsmith. Denn es wäre allzu schade, wenn die Zeit an ihr und ihrem Roman vorübergeht.

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