Lion Christ – Sauhund

Lion Christ - Sauhund 01

Flori ist voller Erwartungen. Er wartet darauf, dass sein Leben endlich anfängt nach dem Wehrersatzdienst im Altersheim und er der Enge des Dorfes entkommen kann. Er will „irgendwas Tiefes fühlen oder komplett Verdrehtes tun, nur bitte nicht länger schlafwandeln.“ Also flüchtet er aus dem für ihn zu kleinen Sonnkirchen nach München zu seiner besten Freundin und in die schwule Subkultur der 1980er Jahre.

Im Mittelpunkt von ‚Sauhund‘, dem Debütroman von Lion Christ, steht Flori – ein Tagträumer, ständig mit dem Kopf und den Gedanken woanders, ein Fabulierer, ein Taugenichts, ein Sauhund eben. Ohne ein Wort des Abschieds lässt er die Mam und den Bap zurück und sogar Gregor Förg Junior, den Jungen mit den Blumenkohlohren und dem blauen Opel Kadett, seine erste große Liebe. Er quartiert sich einem Parasiten gleich bei seiner besten Freundin Teresa ein, auch Resl genannt, und vertrinkt ihr Geld in Nächten der Ekstase in den Schwulenkneipen Münchens.

Die Handlung von ‚Sauhund‘ setzt 1983 ein und thematisiert Codes und Verhaltensweisen der schwulen Subkultur, die teilweise in Vergessenheit geraten sind wie das Cruisen auf öffentlichen Toiletten, den Paragraph 175 – und wie ältere schwule Männer die Rolle des Mentors für junge, frisch geschlüpfte schwule Küken übernommen haben. Es waren diese Männer, die eine queere Wahlfamilie um sich scharten, und überlebenswichtige Tipps weitergaben, um sich in dieser neuen und fremden Welt zurecht zu finden.

Das ist auch deswegen interessant, weil diese (nicht sexuellen) Beziehungen heutzutage unmöglich scheinen, weil ein alter schwuler Mann in den Augen der Öffentlichkeit immer lüstern ist, ihm von Anfang nicht vertraut werden kann. Und natürlich gibt es diese Art von Mentoren seltener, weil viele der Männer gestorben sind, bevor sie in diese Rolle hineinwachsen konnten.

1983 ist die Zeit, in der HIV und AIDS auch in der BDR ein Thema werden, doch beim Namen genannt wird die Krankheit zuerst nicht. Für Flori ist es die Krankheit, an der die ganzen Amerikaner sterben, eine Sache, die ihn nicht betrifft – denn wo sollten sie sich angesteckt haben, die Männer, mit denen er schläft? Sie sind doch nicht solche, „die sich blöd auf der ganzen Welt rumschieben und überhaupt völlig anders leben, ohne Anstand und alles.

Und doch ist der Tod von Anfang an im Text allgegenwärtig. Söhne, die vor ihren Müttern sterben und die scheinbar gottgegebenen Gesetze der Natur auf den Kopf stellen, Arme, die wie tot daliegen, ja, selbst der Nachtschweiß, eines der Symptome von AIDS, findet in einem Nebensatz Erwähnung. Trotz Floris Optimismus und Ignoranz liegt eine drückende Schwere über dem Text, die Gewissheit, dass der Lauf der Geschichte sich nicht aufhalten lässt, und auch die Ungewissheit, welche Rolle Flori in dieser Geschichte zukommt, ober er einer derjenigen ist, die davonkommen, ob er „die Ausnahme von der Regel“ ist.

Sauhund‘ ist jedoch keine Geschichte über AIDS, es ist auch kein Roman über die Liebe oder die schwule Subkultur im München der 1980er Jahre. Vielmehr erzählt Lion Christ die Geschichte der Emanzipation des Flori, einer Figur, die wie wir alle ein Subjekt der Gesellschaft und der Zeit ist. Manche Ereignisse sind ein konstantes Rauschen in seinem Leben, anderes ist nicht viel mehr als ein Hintergrundrauschen. Das heißt nicht, dass ich nicht gerne mehr erfahren hätte über die Orte, die Flori besucht, über die Figuren, denen er begegnet. Doch es gibt schlimmere Kritik als den Wunsch, mehr Zeit mit einem Text verbringen zu dürfen.

In den meisten Rezensionen wurde (zurecht!) der ganz eigene Ton von ‚Sauhund‘ hervorgehoben, ein Ton, der auch deswegen so einzigartig ist, weil die Dialoge konsequent im Münchener Dialekt geschrieben sind. Auch Flori, der Erzähler des Textes, ist eine Figur, die es so schon lange nicht mehr in der deutschsprachigen queeren Literatur gegeben hat. Er sehnt sich nach einmalig großen Taten, nach dem Scheinwerferlicht. Er will die Tage im Kaufhaus von Sonnkirchen hinter sich lassen, er will Ruhm und Grandeur, ist vor allem aber eins: durchschnittlich, ein Mensch, der wie die meisten Normalsterblichen unter uns mehr will als ihm das Leben geben wird.

Mit Flori hat Lion Christ eine Figur geschaffen, die kein Sympathieträger ist und die man doch versteht, weil sie den Kern ihres Wesens offenbart. Flori will unbedingt geliebt werden, doch seine Scham nimmt selbstzerstörerische Ausmaße an. „Was hast du da bloß wieder abgezogen? Wie bist du hier gelandet? Doch am lautesten in meinem schwirrenden Kopf immer dieselbe Frage: Wie kann man bloß so ein Nichts sein, machst dich na weg endlich?“, das fragt sich Flori – als Leser*in kennt man die Antwort auf seine Fragen und weiß doch auch, warum er sie sich selbst nicht beantworten kann.

Flori ist und bleibt ein Sauhund, eine Figur, die man gerade wegen ihrer Fehler, ihrer Menschlichkeit gerne begleitet. Ähnlich verhält es sich mit dem Text als Ganzes. ‚Sauhund‘ ist nicht auf Perfektion aus (und wann war diese bitte je erstrebenswert?). ‚Sauhund‘ unterhält und regt zum Nachdenken an. Es ist ein Text, an dem man sich reiben kann, darf und soll. Und das sind mir eh die liebsten Bücher.

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