Lejla Kalamujić – Nennt mich Esteban

Leijla Kalamujić - Nennt mich Esteban

Nennt sie Esteban. Esteban wie der Sohn, den Manuela in Alles über meine Mutter von Pedro Almodóvar verliert. Esteban wie der Tote, der in Marquez‘ Der schönste Ertrunkene an die Küste gespült wird. Denn wir sonst als im Vergleich lassen sich die Leerstellen der eigenen Biografie sichtbar machen, der Schmerz ausdrücken?

Lejla Kalamujić stammt aus Sarajevo, wo sie auch heute noch lebt. Ihr fragmentarischer Roman Nennt mich Esteban erzählt vom zu frühen Tod der Mutter, der Kindheit im Krieg und dem Kampf gegen die eigenen Depressionen. Sie wächst mit ihrem trinkenden Vater und ihren vier Großeltern auf – bis der Krieg sie trennt. Die Grenzen sind gezogen zwischen Gut und Böse. Zu welcher Seite gehört man? Diese Frage kann nur ein Gespräch mit Kafka klären.

Schreiben als Festhalten der eigenen Erinnerungsfetzen und des Alltäglichen im Anbetracht des Absurden und als Imagination dessen, was nicht mehr sein kann. Lejla Kalamujić schwankt mit ihren Erzählungen zwischen Fiktion und Wahrheit. So wie die Liebe zu einer Frau kann das Schreiben alte Wunde heilen. Lücken, die nie verschwinden werden, werden mit der Kraft der Imagination greifbar, bewältigbar.

Leichtfüßig bewegt sich Lejla Kalamujić auf gerade einmal 120 Seiten durch kurze Szenen und verliert sich dabei nie in Belanglosigkeiten. Sie erzählt von der Schwere ohne zu erdrücken, mit einer Stimme die berührt. Ich nenne das beeindruckend.

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