Kevin Junk – Fromme Wölfe

Kevin Junk - Fromme Wölfe

Noch immer wird Der fromme Tanz vollzogen, wie Klaus Mann ihn in seinem schwulen Klassiker beschrieben hat. Knapp 100 Jahre mögen verstrichen sein, doch Berlin und die Begehrlichkeiten haben sich in dieser Hinsicht nur wenig verändert. Von den Erben dieses frommen Tanzes erzählt Kevin Junk in seinem Debütroman Fromme Wölfe.

Ein Wochenende für ein ganzes Lebensgefühl: Der Club. Hier in diesem subversiven, antikapitalistischen und queeren Tempel findet sich das Rudel zusammen. Man huldigt der Musik, huldigt den Drogen, bewegt sich zueinander, umeinander, ineinander. Im Darkroom und in der sich dort einstellenden Euphorie gratuliert man sich auch gern mal dazu, schwul zu sein. Wo endet der eigene Körper, wo beginnen die anderen? Die tanzenden Partikel werden zu einer queeren Masse.

Episodenhaft folgt der Roman einem Reigen an Figuren. Kala, die Hohepriesterin der Gruppe, will Transzendenz erreichen, Tom will seinen Partner Andreas und die Homobourgeoisie hinter sich lassen, Erik will einen echten Moment mit Simon, Lars jagt Viktor und Viktor jagt der Lust hinterher, dem Rausch, wie ihm im Ficken 3000 das erste Mal ein anonymer Schwanz in den Rachen geschoben wurde. Zwischen MDMA Crushes, Rausch, Offenbarungen und der Klokabine, wo die nächste Line Keta oder Koks (oder auch eine bunte Mischung) gezogen wird, verfolgen wir die Figuren über ein Wochenende hinweg. Einige werden den Club geläutert verlassen, andere haben nichts dazugelernt.

Zwischen Unterhaltungsroman und Milieustudie, in der das Berliner Nachtleben weder glorifiziert noch verdammt wird, changiert Kevin Junks Fromme Wölfe. Wer die Berliner Clubszene kennt, wird sich im Roman wiederfinden, der Rest wird sie nach der Lektüre zumindest verstehen – oder auch kennenlernen wollen. Das ist (bis auf ein paar zu verschmerzende Längen in der Mitte) temporeich, aber nie oberflächlich. Und vor allem: absolut queer. Und dafür entschuldigt sich der Roman an keiner Stelle.

Was man aus dem Roman mitnimmt, ist jedermanns Sache. Ähnlich wie ein Besuch im Club oder ein Drogenrausch: pure Unterhaltung oder Transzendenz. Ich persönlich wünsche mir, ich könnte die Tanzschuhe entstauben und endlich mal wieder einfach ein kleines bisschen queer und ein kleines bisschen verdorben sein.

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