Kathy Acker / McKenzie Wark – Du hast es mir sehr angetan: E-Mails 1995/96

Kathy Acker / McKenzie Wark - Du hast es mir sehr angetan: E-Mails 1995/96

„Warum erzähle ich dir das Ganze? Zum Teil, weil sich für mich das gesamte Queerness-/Identitätsding durch alles hindurchzieht, absolut alles. Zwischen hetero/homo zu schwanken ist Kinderkram verglichen mit diesem Schwanken zwischen Schreiben/Lehren/Ideenhausieren oder was auch immer. Ich vergesse, wer ich bin. Du hast mich daran erinnert, wer ich am liebsten sein will.“

Du hast es mir sehr angetan: E-Mails 1995/96 (aus dem Englischen von Johanna Davids) zeigt das zaghafte Antasten in einem noch unbekannten Medium zwischen der Punkautorin Kathy Acker und McKenzie Wark. In ihrem zweiwöchigen digitalen Flirt wird alles thematisiert, von der Hoch- bis zur Popkultur und alles, was dazwischen liegt: Maurice Blanchot, Judith Butler, Portishead, Die Simpsons, Akte X, Fisting und die Frage, ob Männer wie auch Frauen pissen und gleichzeitig kommen können.

Beide lernen sich kennen, als Kathy Acker für kurze Zeit nach Australien reist – dort ist erst vor kurzem Warks Buch Virtual Geography erschienen. Nach Ackers Rückkehr in die USA kommunizieren beide vor allem zwischen dem 08.08. und dem 23.08 1995, der Hochphase ihrer Korrespondenz, täglich per E-Mail. Auch knapp zwanzig Jahre später kann man beim Lesen der E-Mails beinahe die Kampfgeräusche des sich einwählenden Modems hören.

Das Unbehagen der Geschlechter ist für beide eines der großen Themen. McKenzie Wark hat sich 2018 als trans Frau geoutet und sich zur Zeit des E-Mail Verkehrs noch als queerer Mann identifiziert: „Wie die Schwulenkultur Ambiguität eliminiert, das bringt es für mich einfach nicht.“ Kathy Acker kämpft mit dem Bild der Frau: „Aber dann…manchmal…fetischisiere ich das Maskuline…breitbeinig sitzen und Bier trinken und grunzen…und schwitzen und dumm sein und sich zwischen den Beinen reiben…das macht mich an. Muss so eine Art Spiegel sein…(Bin ich klar?) Ich muss meine Ängste rund um das Weibliche überwinden…ach, diese ganze bekackte Vergangenheit…die sexistische gesellschaftliche Vergangenheit.“

Ihre Gespräche über Butch- und Femme-Dynamiken haben viel mit dem eigenen Selbstverständnis bezüglich ihrer Rollen in diesem Austausch gemein. Denn beide beanspruchen für sich die Rolle der Schülerin, sie wollen von der jeweils anderen lernen, das Gegenüber aber auch verstehen – abseits von dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihnen hat.

In der radikalen Differenz finden sie zueinander: [D]ie nicht auf einen Nenner zu bringende Beziehung, das Zusammenkommen von Dingen, die nicht dasselbe sind, in einer Beziehung, die dann aus dieser Ansammlung etwas ebenfalls Singuläres macht.“ Beide glauben sie nicht an das Androgyne als Mitte, sondern an eine Freiheit ohne Kategorien, welche nicht fetischisiert und ein Oszillieren zwischen den Polen ermöglicht.

Du hast es mir sehr angetan: E-Mails 1995/96 zeigt wie zwei Menschen mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, umeinander werben, aber auch die Missverständnisse und Unsicherheit, die in der digitalen Kommunikation so leicht entstehen können. Das ist Hoch- und Popkultur, banal und komplex, Sex und Emotion, Zeitdokument und doch aktuell. Und das Ganze hat es mir sehr angetan.

Die deutsche Übersetzung des August Verlags enthält eine Einleitung von Herausgeber Matias Viegener, der gleichzeitig auch Kathy Ackers Nachlassverwalter ist, und ein Nachwort von McKenzie Wark. Das ermöglicht den Einstieg auch für solche, die sich kaum oder gar nicht mit dem Werk von Kathy Acker auskennen. Der Wunsch, neues Interesse an ihrem Werk zu wecken, kommt gerade rechtzeitig. Erst 2017 erschien die von Chris Kraus geschriebene Biographie Kathy Acker: A Biography, 2018 folgte Olivia Laings Roman Crudo, welcher biographische Elemente der Schriftstellerin verarbeitet. Im März Verlag erschien jüngst (12.04.2022) Bis aufs Blut: Zerfleischt in der Highschool in einer ungekürzten Neuübersetzung von Johanna Davids.

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