Julian Mars – Jetzt sind wir jung

Julian Mars - Jetzt sind wir jung

Das Leben meint es nicht gut mit Felix. Die Mutter ist depressiv und liebt zu viel, der Vater ist ein Egoist und liebt zu wenig. Und Felix, das unwahrscheinliche Produkt dieser beiden unterschiedlichen Menschen, hat vermutlich ihre schlechtesten Eigenschaften geerbt. Als Ex-Freund Martin nach über einem Jahr wieder in Hamburg auftaucht, ist das Chaos perfekt. Denn auf dem anstehenden Geburtstag von Tamara, einem*r gemeinsamen Freund*in, werden sich ihre Wege nach all der Zeit kreuzen. Aber wie soll diese Begegnung aussehen? Mit dieser Frage ist auch Gabriel, der beste Freund von Felix, der eh nicht viel mit Gefühlen anfangen kann, hoffnungslos überfordert. Er empfiehlt, was schon jeder junge Homosexuelle mit einem Hang zum Dramatischen als Ratschlag erhalten hat: Schreib’s doch auf!

Jetzt sind wir jung ist der Debütroman von Julian Mars, der 2015 im Albino Verlag erschienen ist. Der Roman erzählt eine Coming-of-Age Geschichte, weiß sich aber von den Vertretern dieses Genres abzugrenzen. Denn Felix ist alles andere als ein guter Schwuler. Vermutlich würde er sich sogar ganz gut in der Reihe der schwulen Schurken machen. Im Gegensatz zu Ex-Freund Martin, er gehört zu den Berufsschwulen, die in schwulen Vereinen sind und sich in ihrer Freizeit für Toleranz und Aufklärung stark machen. Und so lernen sich beide dann in der AIDS Hilfe kennen – Felix nachdem er ein paar fragwürdigen Entscheidungen getroffen hat, Martin in seiner Position als Ehrenamtlicher.

Damit treffen zwei Vertreter der Schwulen aufeinander, die sich in den seltensten Fällen verstehen: die Schlampe und der Monogamist. Die beiden verlieben sich trotzdem, vielleicht auch weil die Verhältnisse von Anfang an geklärt sind. Doch seine ganze Geschichte erzählt Felix auch Martin nicht, denn diese ist so gar nicht unschuldig wie man sie aus den typischen Coming-of-Age Romanen der jüngsten Vergangenheit kennt. Denn Jetzt sind wir jung erzählt von den Freuden und Leiden eines jungen Schwulen mit allem, was dazu gehört – auch von den Dingen, die wir in unserer Biographie nur allzu gern verschweigen und die unsere Eltern niemals erfahren dürfen.

Bereits mit 17 treibt sich Felix im Black Hole rum, einem abgefuckten Schuppen, in dessen Darkroom man erst gar nicht Gefahr läuft, sich beim Sex in die Augen schauen zu müssen. Felix hat zu früh zu viel Sex, was aber nicht bedeutet, dass der Roman zwanglosen Sex verteufelt. Er lässt sich auf einen älteren Mann ein, der ihn schlecht behandelt und von dem er doch nicht loskommt. Wie die anderen Schwulen will er nicht sein und doch entspricht auch er bei genauerer Hinsicht dem einem oder anderen Klischee.

Abseits davon verhandelt der Roman auch die typischen Probleme der Identitätsfindung, mit denen sie die meisten mit Anfang 20 herumplagen, egal ob schwul oder nicht. Wohin soll es gehen? Felix ist jung und frei, aber auch vollkommen orientierungslos und ohne festes Ziel. Seine Freunde sind genauso ratlos wie er und seine Eltern haben vermutlich noch weniger Antworten als er selbst.

Jetzt sind wir jung ist in einem rotzfrechen Ton und in einem Tempo erzählt, die bestes Lesevergnügen versprechen. Julian Mars schert sich nicht darum, eine zuckersüße Geschichte mit Happy End und den Antworten auf die wichtigen Fragen im Leben zu erzählen. Das macht die Geschichte umso authentischer und für junge Leser*innen sicherlich auch erbaulicher als jede Wohlfühllektüre. Und sonst gibt es genug, die sich Jahre später erinnern können: Ja, so furchtbar war es bei mir auch. Auch das hat was.

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1 Kommentar zu „Julian Mars – Jetzt sind wir jung“

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