Jürgen Pettinger – Franz: Schwul unterm Hakenkreuz

Jürgen Pettinger - Franz 01

1944 wird Franz Doms mit 21 Jahren aufgrund seiner Homosexualität von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt und hingerichtet. Franz Doms gehört zu den tausenden von Opfern, die unter der Herrschaft der Nazis ihr Leben verloren haben. Sein Einzelschicksal steht beispielhaft für viele andere queere Menschen, die systematisch verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Wie viele dieser Biografien ist auch Franz Doms Geschichte lange Zeit in Vergessenheit geraten: Bis 1971 stand Homosexualität in Österreich unter Strafe. Der Unwillen der Bevölkerung, sich mit der Vergangenheit und den Verbrechen der Nazis auseinanderzusetzen, wurde so lange Zeit auch noch rechtlich gestützt. Umso erfreulicher ist es, dass Franz: Schwul unterm Hakenkreuz von Jürgen Pettinger Teil der wachsenden Reihe an Publikationen ist, welche diesen Teil der Geschichte in Erinnerung rufen wollen.

Der Journalist Jürgen Pettinger hat sich bereits 2017 mit dem Fall Franz Doms beschäftigt, als er die Hördokumentation Mit einem Warmen kein Pardon. Der Fall Franz Doms für das Radio schreibt. Ausgehend von dieser Recherche hat er den dokumentarischen Roman geschrieben, der allerdings auch andere Quellen miteinbezieht, um einen Franz Doms zu zeigen, „der sich von den Quellen abheben mag, aber deshalb nicht weniger wahrhaftig ist.“ In den Text sind immer wieder Aussagen von Franz Doms oder Aktenvermerke aus dem Strafverfahren eingestreut. Der fiktionale Charakter von Ereignissen kann eine gewisse schützende Distanz zwischen Leser*in und Text schaffen, diese Einschübe bereiten dieser bequemen Distanz allerdings ein jähes Ende.

Die Geschichte von Franz Doms hat auch heute wenig von ihrem beispielhaften Charakter verloren, liest sie sich doch zu Beginn wie eine klassische Coming-of-Age Geschichte eines homosexuellen Jungen: Franz hat schon früh das Gefühl irgendwie ‚anders‘ zu sein und mit dem Entdecken der eigenen Sexualität entdeckt er auch schnell den Grund dafür. Er tritt in eine neue Welt ein, mit ihren eigenen Orten und Regeln. Das unterscheidet sich oft nur graduell von der heutigen Situation.

1940 wird Franz Doms das erste Mal verhaftet, die Strafte fällt vergleichsweise milde aus. Als er im Oktober 1941 verhaftet wird, muss er bis März 1943 ins Gefängnis. Im November desselben Jahres wird er schließlich zum Tode verurteilt, das Urteil wird am 07. Februar 1944 vollstreckt. Auch dieser Teil von Franz Doms‘ Geschichte ist beispielhaft, zeigt er doch die systematische Verfolgung der Behörden, die sich die Denunziation durch Nachbarn und Arbeitgeber zunutze machen. Franz Doms wird nicht nur aufgrund seiner Verbrechen wider die Natur verurteilt, er wird auch als Arbeitsverweigerer dargestellt und somit der von den Nazis konstruierten Gruppe der sogenannten ‚Asozialen‘ zugeordnet. Und auch weil es aktuell noch immer 11 Länder gibt, in denen homosexuelle Handlungen unter Todesstrafe stehen, hat die Geschichte etwas über ihren historischen Kontext hinaus Beispielhaftes.

Bereits auf den ersten Seiten wird deutlich, dass die fiktionalen Elemente des Textes auf logischen Schlussfolgerungen beruhen, welche die historischen und geographischen Begebenheiten berücksichtigen. Pettinger bedient sich historischer Quellen, um das Leben von Franz Doms so darzustellen, wie es hätte sein können. Allerdings wird aus den Quellenangaben nicht ganz ersichtlich, inwiefern die kausalen Zusammenhänge der Erzählung sich so tatsächlich zugetragen haben. Autor*innen sind immer mit der (unbewussten) Versuchung konfrontiert, ihre Sujets besser darzustellen, als sie tatsächlich waren. Denn wir alle wissen: Queere Menschen müssen besser als der Rest sein, um nicht den Tod verdient zu haben. Um diesen Verdacht entgegenzuwirken, wäre vielleicht als Anhang ein Zeitstrahl der nachweislich sich zugetragenen Ereignisse hilfreich gewesen.

Unabhängig davon ist Franz: Schwul unterm Hakenkreuz eine Geschichte, die es lohnt, stets aufs Neue erzählt zu werden. Der Roman kann guten Gewissens in einem Atemzug mit anderen Zeitdokumenten genannt werden wie Heinz Hegers Die Männer mit dem rosa Winkel und Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen von Pierre Seel. Jürgen Pettinger gibt Franz Doms die Stimme, die ihm so lange verwehrt wurde. Damit legt der Text Zeugnis über längst vergangene Zeiten ab, richtet unseren Blick aber auch auf Teile der Welt, in denen diese Geschichte noch Teil der Gegenwart ist.

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