Joseph Cassara – The House of Impossible Beauties

Viele Geschichten sind ihrer Zeit und Ignoranz zum Opfer gefallen. Weil sie nicht aufgeschrieben wurden und weil diejenigen, die sie hätten erzählen können, zu früh aus diesem Leben gerissen wurden, sind vor allem in der queeren Geschichte Leerstellen entstanden, von denen die heutige Generation oft nicht einmal weiß, dass es sie gibt. Und gerade hier hat die Macht der Fiktion die Möglichkeit, diese klaffenden Wunden vielleicht nicht zu heilen, aber dem namenlosen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Genau das versucht Joseph Cassara mit seinem Debutroman The House of Impossible Beauties zu erreichen.

1990 hat Jennie Livingstons Dokumentarfilm Paris Is Burning die Ballroom Culture einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Auf den Bällen in Harlem nehmen die größtenteils schwarzen oder lateinamerikanischen Performer unterschiedlicher sexueller Orientierungen und Geschlechteridentitäten an Wettbewerben mit verschiedenen Kategorien teil – von Butch Queen bis hin zum Vortäuschen männlicher Heterosexualität, die Teilnehmer müssen die Jury mit „Realness“ überzeugen. Aufgrund ihrer queeren Identitäten sind die meisten Opfer von Gewalt und Misshandlung geworden oder wurden von ihren Familien verstoßen. In den Häusern, die auf den Bällen gegeneinander antreten, finden sie nicht nur Schutz, sondern in den Müttern und Vätern des Hauses Wahlfamilien. Und obwohl die Bälle die Welt der Musik, der Mode, des Tanzes (hier auf den Bällen ist zum Beispiel auch das Voguing entstanden) und des Fernsehens beeinflusst haben, wissen heutzutage nur noch wenige etwas über die Bälle oder die in Paris Is Burning auftretenden Performer. Unter anderem wahrscheinlich auch, weil ein Großteil von ihnen mittlerweile tot ist. Viele von ihnen sind Opfer des Hi-Virus geworden, andere wie Venus Xtravaganza wurden ermordet. Vier Tage dauerte es bis ihr Leichnam unter einem Hotelbett entdeckt wurde. Der Mann, der sie erwürgt hat, wurde bis heute nicht gefunden. Und so wurde das Leben von Venus oft auf dieses grausame Ende reduziert. Weder Venus, noch ihre Freunde und Familie können ihre Stimme erheben und etwas dieses Narrativ entgegensetzen. Hier kommt Joseph Cassaras Roman ins Spiel.

So wie auch Paris Is Burning erzählt der Roman von einer selbst erwählten Familie, den Xtravaganzas. Im Roman ist es Angel, die das Haus gründet und nicht ihr Freund Hector. Und auch wenn es stimmt, dass die Xtravaganzas das erste komplett lateinamerikanische Haus gebildet haben, wurden später auch Schwarze, Asiaten und Weiße Mitglieder. Cassara konzentriert sich jedoch auf den inneren Kern der Xtravaganzas und erzählt anhand dieses Mikrokosmos ihre Geschichte von 1979 bis 1993. Es ist eine Geschichte über die Zerstörungswut der Welt gegen all jene, die anders sind, über den American Dream, der für viele einem Alptraum gleicht. Viele der Charaktere sehnen sich nach einem Haus und Garten, nach bescheidenen Besitztümern und auch nach Reichtum. Oft wurden gerade diese Wünsche kritisch kommentiert, doch Cassara lässt sich nicht dazu herab, seine Charaktere – und auch die Personen, die dahinterstehen – zu belächeln. Stattdessen begegnet er ihnen mit Sanftmut. Und mit Humor. Das Buch ist unverschämt schwul und schmeißt zwischendurch mit Poppers, Dildos und Popikonen nur so um sich.

Fast wirkt es, als würde Cassara die Xtravaganzas selbst zu Wort kommen lassen. Die Perspektive wechselt zwischen den einzelnen Mitgliedern des Hauses und immer wieder bricht auch das Spanische ins Englische hinein. Gerade im heutigen Amerika bezieht Cassara, der auch selbst puerto-ricanischen Ursprungs ist, damit Stellung. Dieses beinahe mündliche (und auch filmische) Erzählen erinnert an die Struktur von Paris Is Burning. Leider liegt hierin eine der größten Schwächen des Romans. Die oft kurzen Szenen bleiben zu sehr an der Oberfläche. Denn auch wenn Cassara sich auf einen kleinen Teil der Familie konzentriert, handelt es sich dabei noch immer um ein beeindruckend großes Raster an Charakteren. Zu oft werden die wirklich schmerzhaften Momente im Leben der Xtravaganzas leider einfach übersprungen. Gerade dann, wenn Cassara sich nicht auf historische Fakten verlassen konnte, sondern auf die Kraft seiner Imagination zurückgreifen musste, verliert er sich in Klischees wie man sie aus dem amerikanischen Film kennt. So wird Hectors Tod auf einer AIDS-Krankenstation gleich um mehrere Jahre übersprungen. Für einen Roman, der das Vergessene für eine neue Generation in die Gegenwart holen möchte, darf auch das kein Tabu sein. Hier geht es nicht darum, Schmerz und Leid von queeren Personen zu fetischisieren, sondern in jeglicher Konsequenz zu zeigen, was wir überwinden mussten und wieso wir eine komplette Generation verloren haben.

Ähnlich problematisch ist es, dass Cassara das Leben in den Ballsälen größtenteils ausblendet, weil er einen Gegenentwurf zum amerikanischen Familienroman entwerfen wollte. Auch wenn das Motiv der selbst erwählten Familie sich konsequent durch den Text zieht, geht das Besondere dieses Lebens doch zu oft in Nichtigkeiten verloren. Gerade die Begegnungen der unterschiedlichen Familien in den Wettbewerben hätte hier einen starken Kontrast bilden können. Dem Buch kommt es zugute, dass Cassara von solch schillernden Persönlichkeiten erzählt, dass es selbst dem schlechtesten Erzähler nicht gelungen wäre, sie vollkommen zu ruinieren.

Ist The House of The Impossible Beauties deswegen auch ein schlechtes Buch? Nein, das ist es wahrlich nicht. Cassara ist auf dem besten Weg, ein guter Erzähler zu werden. Doch als Leser kommt man nicht umhin, auf jeder Seite das Potential des Romans zu sehen, was hätte sein können, wenn Cassara noch ein paar Jahre gewartet hätte, bis er sich dieser großen Geschichte gestellt hätte.

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