Janna Steenfatt – Mit den Jahren

Janna Steenfatt - Mit den Jahren

Bei einem gleichschenkligen Dreieck sind zwei Seiten gleich lang, während die dritte Seite die Basis bildet.

Jette, sie bildet die Basis in dieser Dreiecksgeschichte bestehend aus ihr, Lukas und Eva. Sie, die bisher lediglich Beziehungen mit Frauen hatte, beginnt eine Affäre mit dem verheirateten Lukas und wird mit einmal die andere Frau. Es ist eine – in mehrerlei Hinsicht – klassische Erzählung. ‚Mit den Jahren‘, der zweite Roman von Janna Steenfatt, spielt mit den daraus resultierenden Erwartungen und stellt sie gekonnt auf den Kopf.

Bereits seit zwanzig Jahren sind Eva und Lukas ein Paar, sie ist Lehrerin an einem Gymnasium, er ist Künstler. Spätestens seitdem sie zwei Kinder haben, sind andere Dinge wichtiger als die Wünsche und Träume aus der Zeit, als sie sich kennengelernt haben. Ihnen gegenüber steht Jette, kinderlos und alleinstehend. Erst seit kurzem lebt sie in Leipzig, wo sie in einer der letzten Videotheken Deutschlands arbeitet, nebenher versucht sie ihren ersten Roman zu schreiben. Sie ist niemandem außer sich selbst verpflichtet: „Erst hier in dieser neuen Stadt, wo sie niemanden kannte, hatte sie begonnen, allein in die Kneipe zu gehen und sich an den Tresen zu setzen. Es fühlte sich an wie eine kleine Kapitulation. So jemand war sie jetzt.

Einander abwechselnd fokalisieren die Kapitel die drei Figuren und zeigen ihre Perspektiven auf die Welt und aufeinander. Erst in der Panoramaaufnahme wird deutlich, dass die Figuren glauben ihr Gegenüber und seine Gedanken, seine Routinen und Marotten zu kennen, seine Handlungen und Reaktionen aber trotzdem leicht missverstehen können. Steenfatt offenbart nach und nach auch Details aus der Vergangenheit von Jette, Lukas und Eva, eine Vergangenheit, die sie auch bis in die mittleren Jahre verfolgt und prägt – auch weil sie Beweis ist für „die Beliebigkeit der Augenblicke, aus denen sich ein Leben ergab“.

Mit den Jahren‘ reißt dabei viele aktuelle Diskurse an, ohne deswegen ein Diskursroman zu sein oder aufgrund der Vielfalt der angerissenen Themen in die Oberflächlichkeit abzudriften. Vielmehr unterstreicht Steenfatt die Unmittelbarkeit der Geschichte: Die Figuren leben in einer Welt wie der unseren, in der diese Diskurse mal mehr und mal weniger unseren Alltag prägen. Diese Unmittelbarkeit findet sich auch in der Sprache des Romans wieder. Denn Janna Steenfatt schreibt so mühelos, dass man leicht vergisst, einen Text zu lesen, und sich stattdessen in der Unmittelbarkeit der Gedanken, Gefühle und der Ereignisse verliert.

In mehrerlei Hinsicht stellt Steenfatt infrage und auf den Kopf, wie wir über Stereotype denken und schreiben: der betrügende Ehemann, die Ehefrau, die ahnt, dass etwas nicht stimmt und lieber die Augen vor der Wahrheit verschließt – und auch die lesbische Frau, die plötzlich Sex mit Männern hat. Denn auch diese Geschichte erzählt ‚Mit den Jahren‘ unaufgeregt und ohne jegliche Scham, als ein selbstverständliches Erkunden der eigenen Sexualität, ohne deswegen alle bisherigen Entscheidungen anzweifeln zu müssen.

Mit den Jahren‘ erzählt vom Alleinsein und von den ernüchternden Routinen des Alltags, davon, was passiert, wenn grundverschiedene Lebensmodelle aufeinanderprallen, vor allem aber von der Frage, ob es je zu spät ist, ein neues Leben auszuprobieren. Mühelos wirbelt Steenfatt dabei die Bausteine der klassischen Dreiecksgeschichte durcheinander und zeigt, was Literatur auch kann. Unter anderem mit Altbekanntem neue Perspektiven zu eröffnen.

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