Jakob Nolte – Kurzes Buch über Tobias

Jakob Nolte - Kurzes Buch über Tobias

Kurze Zusammenfassung über Tobias Leben: Aufgewachsen in Niedersachsen, Literaturstudium in Hildesheim, Veröffentlichung eines von der Kritik zumindest wohlwollend besprochenen Romans, Beziehungen mit Alina und Tobias, Bekehrung zum Glauben und Abkehr vom Schreiben, Alina in einen Hasen verwandelt, Televangelist auf Twitch, obdachlos, gestorben, auferstanden, in einen Hubschrauber gestiegen.

In den Besprechungen zu Jakob Noltes Roman Kurzes Buch über Tobias heißt es gern, er sei mit den typischen Werkzeugen der Literaturkritik nicht zu fassen. Vielleicht hilft ein Blick auf die Popliteratur, denn Noltes Text bedient sich einiger Stilmittel des für die 90er typischen Genres: selbstreferenziell, Popkulturanspielungen, eine Liste.

Kurzes Buch über Tobias ist ein Spiel der Form, eine lose Aneinanderreihung von Szenen, deren Zusammenhang sich erst nach und nach erschließt. „Alles verschwimmt, die Zeit, die Menschen. Manchmal denke ich, ich wäre ein Kind, dann kommt es mir so vor, als hätte ich gerade erst mit dem Studium begonnen.“, sagt Tobias‘ Mutter kurz vor ihrem Tod und beschreibt dabei vermutlich nicht ganz zufällig den verschlungenen Weg der Szenen.

Der Text ist sozusagen ohne Mitte, es fällt schwer sich zu orientieren, sowohl in der Zeit als auch auf den Ebenen von Traum, Realität und doppelter Fiktion. Was kann Literatur? Der Welt durch eine realistische Darstellung die Wirklichkeit vor Augen halten? Oder kann sie lediglich in einer unrealistischen Welt die Wirklichkeit durch Sprache in Welt umwandeln? Tobias kann sich nicht entscheiden. Und so kann die beschriebene Welt nur eine sein, in der gewaltige und alptraumhafte Szenen einbrechen und in der Wunder vollführt und Menschen in Hasen verwandelt werden.

Eine gewisse Distanz prägt Kurzes Buch über Tobias und die Beziehungen des titelgebenden Helden zu seinen Beziehungen. „Guter Gott! Alles ist nur noch mittelbar wahrzunehmen!“, beschreibt Hanna Engelmeier für die Zeit dieses Verhältnis zur Literatur. Aber womöglich ist das Buch in diesem Fall lediglich nur das Medium, nicht die Nachricht. Vielleicht beschreibt Kurzes Buch über Tobias auch eine distanzierte Realität, in der die Ästhetik, die Zeichen zu viel Bedeutung gewonnen haben, und die Sprache versucht, diese Realität der Wirklichkeit vor Augen zu halten.

Jakob Noltes Kurzes Buch über Tobias bedient sich einer gewissen Offenheit, an der Literaturwissenschaftler*innen und auch geübte Leser*innen besonders viel Freude haben werden. Ob das gefällt, ist von einer Frage abhängig: der eigenen Position zur Literatur, davon, was sie leisten kann und soll.

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