Ia Genberg – Die Details

Ia Genberg - Die Details

Ich passte mich ihr an, adaptierte, ließ zu, dass sie mich unwiderruflich veränderte. Und genau das ist doch unser Ich, oder das, was wir Ich nennen: Spuren der Menschen, an denen wir uns reiben. […] Vielleicht liegt darin der Kern unserer Beziehungen, vielleicht sind sie deshalb nie endgültig vorbei.

Die Details‘ von Ia Genberg (aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat) erzählt von den Menschen in unseren Leben und den unterschiedlichen Leben, die wir mit ihnen führen. Der Roman erzählt von vier Menschen, die in das Leben der Erzählerin treten und es wieder verlassen – zu einer Zeit, als es noch möglich war, spurlos zu verschwinden, als das Internet, Handys und Social Media uns noch nicht unfreiwillig aneinandergekettet haben, als ein Ende genau das war: ein Ende.

Getrieben von einem Fieber tritt eine Frau an ihr Bücherregal. Ein Faden, eine Gefühlsader verbindet diesen Tag mit einer Erinnerung an eine Zeit, als sie ebenso von einem Fieber niedergestreckt, ein Buch gelesen hat, das sie nun hervorzieht. Es ist die ‚New-York-Trilogie‘ von Paul Auster. Im Buch findet sie eine Widmung von einer Frau, die sie vor langer Zeit geliebt hat und von der sie verlassen wurde. Ausgehend von diesem Moment erinnert sie sich an vier Menschen aus ihrem Leben: Johanna, Alejandro, Niki und Birgitte – Partnerin, Partner, Freundin und Mutter.

Einem Puzzle gleich, das nicht vollständig ist, entwirft Genberg in ihrem Roman das Portrait von vier beziehungsweise fünf Menschen – denn indem die Erzählerin über diese vier Menschen schreibt, erzählt sie auch von sich selbst. Dieses Erzählen ist ohne Groll und voller Neugierde und Empathie, darauf ausgerichtet, das Gegenüber in all seinen Facetten zu verstehen. Und natürlich ist dieses Erzählen auch eine Geschichte über das Schreiben selbst.

Das Schreiben gleicht hier einer Suche nach Menschen, die verschwunden, verloren gegangen sind, ähnlich einer Suche auf einer Karte mit ihren Rastern und Quadraten, die schreibend ganz strategisch mit Inhalt und Gedanken gefüllt werden, bis am Ende die ganz subjektive Erinnerung an eine Person hervortritt. Nicht in der Mitte der Karte oder an einem einzelnen Punkt, sondern in ihrer Ganzheit. Es sind die Details dieser schreibenden Reise, welche ans Ziel führen, ein Ziel ohne Kern also.

In mehrerlei Hinsicht werden in ‚Die Details‘ Grenzen aufgebrochen, wie die Grenzen des Ichs: „Wir leben so viele Leben in unserem Leben, kleinere Leben mit Menschen, die kommen und gehen, Freundinnen und Freunden, die verschwinden, Kindern, die groß werden, und ich weiß nie, welches meiner Leben den eigentlichen Rahmen bildet.“ Dieses Aufbrechen des Ichs ist auch ein Aufbrechen der Zeit, bewahrt die Erzählerin die Details dieser Menschen in sich auf, auch nachdem sie aus ihrem Leben verschwunden sind. Diese Details können jederzeit – beispielsweise hervorgerufen durch ein Fieber – an die Oberfläche treten.  Frei von Hierarchien, ohne Anfang und Ende – so erzählt Genberg auch von Sexualität. Denn ihre Protagonistin liebt ganz selbstverständlich Frauen wie Männer, ein Detail, welches keiner Erklärung bedarf und ganz selbstverständlich ist.

Ia Genberg erzählt in ‚Die Details‘ von dem Versuch, ja vom Zwang, „aus allem eine Geschichte zu spinnen, das Leben in eine Form zu pressen, die andere fesseln, beeindrucken, empören oder belustigen soll“. Was dabei rauskommt, ist jedoch mehr als das, vollbringt der Roman es doch, dem Leben einen Funken Wahrheit zu extrahieren und dabei ganz nebenbei ein Loblied auf menschliche Verbindungen zu singen.

Facebook
Twitter
LinkedIn

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert