Erzsébet Galgóczi – Eine andere Liebe

Erzsébet Galgóczi - Eine andere Liebe

Vielleicht hätten Eva Szalánczky und Livia Kismányoli glücklich miteinander werden können. Glücklich wie die beiden Frauen auf dem Buchcover von Erzsébet Galgóczis Eine andere Liebe, das so gar nicht zu seinem Inhalt passen will. Doch es muss bei einem Vielleicht bleiben. Denn Eva Szalánczky wurde erschossen und damit beginnt die Geschichte.

Als 1959 eine illegale Grenzgängerin erschossen wird, erkennt Oberleutnant Marosi in ihr seine Jugendfreundin Eva Szalánczky. Wie konnten ihre Leben so unterschiedlich verlaufen, wieso dieses Ende? Beide haben sie den gleichen Hintergrund, beide kommen sie vom Land, beide haben sie erfolgreich das Milieu gewechselt. „Es gibt keine Erklärung. Man schneidet seine Adern auf … dann kommt irgendeiner, der wird es schon erklären.“ So steht es in einer Notiz, die in Evas Tasche gefunden wird. Marosi fühlt eine innere Berufung, diese Erklärung zu finden. Anhand von Zeugenberichten, Briefen und Dokumenten beginnt er, die inneren Zusammenhänge der Evas Szalánczky zu verknüpfen.

Eine andere Liebe erzählt mehr als eine Liebesgeschichte, der Roman berichtet von einem Staat, der sowohl seine Intellektuellen als auch die Landarbeiter verraten, sie jeglicher Entscheidungsmacht beraubt hat. 1956 ist der Wendepunkt im Leben vieler dieser Menschen, das Jahr, in dem es in Ungarn zur Revolution kam, die offiziell nicht als solche betitelt werden darf. Evas Freunde sind geflüchtet, wurden gehängt oder sitzen im Gefängnis.

Nach und nach fügt sich das Bild einer Frau, deren Leben aus Entbehrungen besteht. Sie ist eine begnadete Journalistin, doch ihre Artikel werden nicht veröffentlicht, das Gefängnis wäre ihr sicher. Eva trägt keinen einzigen opportunistischen Knochen in sich, sie ist in jeglicher Hinsicht ehrlich. Sie geht an ihrer Aufrichtigkeit, an ihrer konformistischen Umgebung zugrunde.

Auch Livia weiß um Evas Kompromisslosigkeit. Sie liegt im Krankenhaus, nachdem ihr Ehemann sie angeschossen hat, und erzählt Marosi ihre Geschichte. Eva konnte die Worte „Ich kann ohne dich nicht leben“ nicht aussprechen, diese ach so schmeichelhaften Worte, für die sich Livia ihr vollkommen hingegeben hätte. Sie weiß, dass die Form des anderen zu zerschlagen bedeutet, auch sich selbst zu zerlegen. Auch dazu ist sie nicht bereit.

Die Sexualität der beiden Frauen ist in den Augen der Gesellschaft eine Sünde, eine Krankheit. Auch Eva muss mit dieser Annahme kämpfen, doch wie in allen anderen Bereichen ihres Lebens siegt die Moral: Nicht unbekleidet und im Bett versündigt sich der Mensch. Eva will ihre Umwelt formen und ändern, das erreichen, was gemeinhin als Unsterblichkeit gilt. Doch dieser Weg bleibt ihr verschlossen, die Konsequenz kann nur der Tod sein.

Erzsébet Galgóczi hat sich als Autorin dem Realismus verschrieben, die strenge dokumentarische Form des Romans und der altbekannte Topos der tragischen Heldin, die nur im Tod ein Maß an Freiheit finden kann, sind vermutlich die größten Schwächen des Textes. Trotzdem sind diese Elemente derart gekonnt miteinander verwoben, dass Eine andere Liebe ein nicht unspannender Text über Individualismus und die Suche und die Bedeutung von Wahrheit ist.

Eine andere Liebe wurde 1980 in Ungarn veröffentlicht, 1986 folgte eine deutsche Übersetzung von Erika Bollweg. Der Roman wurde 1982 von dem ungarischen Regisseur Károly Makk unter dem Titel Der andere Blick verfilmt, am Drehbuch hat Erzsébet Galgóczi mitgeschrieben. Der Film wurde in Cannes für die Goldene Palme nominiert.

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