Davit Gabunia – Farben der Nacht

Davit Gabunia - Farben der Nacht

2018 war Georgien Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Eines der dort vorgestellten Bücher: Farben der Nacht, das Debüt von Davit Gabunia, erschienen im Rowohlt Verlag. Das Wort Debüt ist jedoch etwas irreführend, denn in seinem Heimatland kennt man Gabunias Namen durchaus. Er hat Harry Potter und Shakespeare ins Georgische übersetzt und sowohl Theaterstücke als auch eine TV Serie geschrieben. Hoch- und Populärkultur vereinen, das können die wenigsten. Entsprechend hoch waren natürlich die Erwartungen an den Roman.

Obwohl es ein schmales Büchlein ist, gerade einmal 189 Seiten in der deutschen Übersetzung von Rachel Gratzfeld, erzählt es die Geschichte von 5 Personen. Es ist Sommer 2012, der Sommer, in dem der Folterskandal rund um die georgischen Gefängnisse in einem Regierungssturz mündet. Im Vordergrund stehen nicht die politischen Ereignisse, sondern das Schicksal der Figuren. Da wäre zum einem Surab, verheiratet und Vater von zwei Kindern, der seit kurzem arbeitslos ist und nichts anderes zu tun hat, als auf dem Balkon zu sitzen und eine Zigarette nach der anderen zu rauchen. Hier beobachtet er seinen neuen Nachbarn, der regelmäßig nächtlichen Besuch von seinem Liebhaber bekommt – einem Mann. Doch der Skandal geht darüber hinaus, denn besagter Liebhaber arbeitet für den Staatsschutz.

Surab dokumentiert ihre nächtlichen Begegnungen mit seinem Fotoapparat und – der Klappentext verrät es bereits – wird Zeuge eines Mords. Der Rowohlt Verlag wird für diese Beschreibung sicherlich seine Gründe haben, aber sie nimmt dem Text im ersten Teil etwas Luft, denn in dem vielstimmig erzählten Text ist zu Beginn offen, wer der Mörder ist, ob es nicht gar Surab ist, der den Jungen töten wird.

Neben Surab sind es vor allem seine Ehefrau Tina, die eine Affäre mit ihrem Arbeitskollegen begonnen hat, und Merab, der Beamte vom Staatsschutz, die im Vordergrund stehen. Sie alle sind sich der politischen Ereignisse in Tiflis bewusst, doch keiner von ihnen nimmt aktiv an ihnen teil. Alles, was sie tun, ist zu beobachten. Der Roman ist wie gesagt kein politisches Buch. Und er bietet auch kein Gesellschaftspanorama wie beispielweise Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes. Vielmehr porträtiert der Roman eine Gruppe von Figuren, die aus ihrem bisherigen Leben ausbrechen wollen, ein Leben geprägt von einer Gesellschaft, in der Tradition und Moderne aufeinanderprallen und die bisher jegliches Aufbegehren unmöglich gemacht hat. Das erinnert viel mehr an Teju Coles Everyday Is For The Thief, dessen Erzähler nach mehreren Jahren in seine Heimat Nigeria reist und dort lediglich beobachten kann, wie eine grausame Regierung eine grausame Gesellschaft hervorgebracht hat.

Politisch ist dann aber trotz allem das Thema der Homosexualität. Und deswegen war Gabunia dann im vergangenen Jahr auch ein Gast auf dem Berliner Literaturfestival Queer*East, wo Autoren beispielweise aus Russland, der Ukraine und der Türkei darüber berichtet haben, unter welchen Voraussetzungen sie über queere Themen in Ländern schreiben, in denen Homosexualität gesellschaftlich geächtet ist. Unter diesem Aspekt lässt sich auch Farben der Nacht lesen. Surab kann seine Abscheu oft nur schwer verstecken, während er das sich vor ihm abspielende Beziehungsdrama beobachtet, sich aber nach und nach mit den fremden Männern identifizieren kann. Dabei handelt es sich auch um eine geschickte Strategie, um feindlich eingestellte Leser nach und nach mit einer ihnen fremden Perspektive zu konfrontieren. Als Leser stellt man sich aber natürlich auch die Frage, wieso Surab die beiden Männer derart obsessiv beobachtet. Ist es die Langeweile oder vielleicht doch ein verstecktes Begehren, welches ihn antreibt? Selbst die Figur Tina kann man – wenn man denn will – queer deuten. Ich-Erzähler bieten ja immer Identifikationspotential mit ihren Autoren und schon Proust hat in seinen Texten aus den Männern in seinem Leben Frauen gemacht.

Ganz zum Schluss dieses kleinen, aber feinen Buches kommt Schotiko zu Wort, der junge Mann, der von seinem Liebhaber getötet wird: „Also, soll er nur stehen und schauen.“ Seinen Kritikern kann man nur herausfordernd entgegentreten.

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