Colm Tóibín – Love in a Dark Time: Gay Lives From Wilde to Almodóvar

Colm Tóibín ist vor allem bekannt als Autor der Romane The Story of the Night, The Blackwater Lightship oder auch The Master, alles Bücher, die für den Booker Prize beziehungsweise den Man Booker Prize nominiert waren und sich auf unterschiedliche Art mit homosexuellen Identitäten auseinandersetzen. Tóibín ist aber ebenso als Journalist tätig. Love in a Dark Time: Gay Lives from Wilde to Almodóvar ist das Ergebnis, ein Großteil der Essays ist zuvor in der London Review of Books erschienen. Neben den vorgestellten Autorinnen und Autoren bietet das Buch auch Aufschluss über Tóibíns Werk. Denn als 1993 Andrew O’Hagan von der Zeitschrift mit der Frage an ihn tritt, über seine eigene Homosexualität zu schreiben, hat er noch keines der oben genannten Bücher geschrieben. Noch fühlte er sich nicht bereit, diesen Teil von sich zu konfrontieren. Erst der Umweg über fremde Biographien ermöglichte ihm diesen Zutritt zu sich selbst.

Der Titel Love in a Dark Time ist etwas irreführend. Liebe spielt in den einzelnen Biographien natürlich immer wieder eine Rolle, aber es ist nicht das zentrale Motiv. Vielmehr untersucht Tóibín, inwiefern die Homosexualität das Schaffen dieser Männer (Elisabeth Bishop ist die einzig portraitierte Frau) beeinflusst hat. Aber warum? „It matters because as gay readers and writers become more visible and confident, and gay politics more settled and serious, gay history becomes a vital element in gay identity, just as Irish history does in Ireland, or Jewish history among jewish people.“

Es ist also kein Wunder, dass der irische Schriftsteller Oscar Wilde an erster Stelle steht (streitbar das beste Kapitel im Buch). Sein Prozess hat das Tabuthema Homosexualität in die gesellschaftliche Öffentlichkeit gebracht. Man kann sich also vorstellen, wie in diesen dunklen Zeiten die Verurteilung zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit auf andere Schriftsteller wie Thomas Mann und André Gide gewirkt haben muss. An Oscar Wildes Person entbrennen auch zwei weitere Themen, die sich durch das Buch ziehen. Zum einem die Parallelisierung von Homosexualität und Herkunft. Oscar Wilde ist für die einen ein irischer Schriftsteller, für die anderen ein homosexueller. Das war in einem erzkatholischen Land wie Irland lange Zeit nicht vereinbar. Es ist erstaunlich, wie zentral die Frage der Nationalität für viele der dargestellten Männer war. Roger Casement war irischer Nationalist, Thomas Mann wollte sich als deutscher Schriftsteller verstanden wissen und James Baldwin drohte an Amerika zu zerbrechen und wählte für lange Zeit die Flucht nach Frankreich.

Auch die Frage der Tragik von homosexuellen Figuren steht im Raum. Tóibín gesteht, dass er sich zu diesen eher hingezogen fühlt, auch wenn er es nicht sollte. Diese Selbsteinsicht strahlt eine gewisse Sympathie aus. Sicherlich ist diese Meinung aber auch etwas, was zur Diskussion einlädt. So wie auch die dargestellten Personen. War Roger Casement ein Sextourist, weil er mit jungen Männern im Kongo Sex hatte? Tóibín weist darauf hin, dass es oft schwer aber auch wichtig ist, für diese Männer Sympathie aufzubringen, die unter gesellschaftlichen Zwängen lebten, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Es wäre anachronistisch, viele unserer heutigen Wertvorstellungen auf sie zu übertragen.

Tóibín beschäftigt sich aber genauso mit Leben, die kein tragisches Ende finden. Francis Bacon (der Maler, nicht der Philosoph) machte kein Geheimnis aus seiner Sexualität und Elisabeth Bishop wurde erst nach ihrem Tod durch das Veröffentlichen ihrer Tagebücher geoutet. Beide wurden von der häuslichen Zweisamkeit mit ihren Partnern zu ihrer Kunst inspiriert. Spielt Sexualität dann überhaupt noch für das Verständnis eines Werkes eine Rolle? Mal mehr, mal weniger. Denn auch wenn sie nicht unbedingt der Schlüssel zum Werk dieser Künstler sein mag, ermöglicht sie doch neue, zusätzliche Perspektiven. Und man darf genauso wenig vergessen, dass Schriftsteller wie Thomas Mann das Thema Homosexualität oft codiert, aber doch sehr offen in ihren Werken behandelt haben, es von zeitgenössischen Literaturkritikern jedoch schlichtweg ignoriert wurde.

Die Essays sind alle unterschiedlich lang. Mal sind sie skizzenhaft, mal sind sie ausführlich, voller Zitate aus den Werken selbst und der dazugehörigen Sekundärliteratur. Biographie, Literaturkritik und Essay geben sich die Hand oder vermischen sich. Das ist ein heilloses Durcheinander, das nicht immer funktioniert. Was Tóibín aber fast durchweg gelingt, ist das Interesse für die dargestellten Personen zu wecken.

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