Cathie Dunsford – Cowrie

Cathie Dunsford - Cowrie

Vor 1000 Jahren brachen die ersten Maori von Ka Lae, der Südspitze Hawaiis, nach Aotearoa auf. Cowrie tritt die Reise in die entgegengesetzte Richtung an: Sie reist von Neuseeland nach Hawaii, um die Insel, ihre Mythen und ihre eigene Herkunft zu ergründen.

Die neuseeländische Literatur war lange von der Literaturtradition des writing home geprägt, Berichte, in denen Einwander*innen der daheimgebliebenen Familie von ihrem neuen und vor allem exotischen Leben in der Ferne erzählen. Cowrie (1994), der Debütroman von Cathie Dunsford, greift diesen Diskurs im Sinne des writing back auf, wie Salman Rushdie es in seinem 1982 erschienen Artikel The Empire Writes Back with a Vengeance definiert hat. In Cowrie stellt dieses Schreiben gegen die Kolonialhegemonie die normativen Annahmen über Familie und Heimat auf den Kopf.

Cowries Briefe über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Hawaii sind vor allem an die Frauen in ihrem Leben gerichtet. Sie schreibt ihrer Adoptivmutter und ihren (lesbischen) Freundinnen, ihrer Wahlfamilie. Auch ist Cowries Herkunft nicht einfach zu bestimmen: Sie ist weder Maori, noch Pakeha (die Bezeichnung der Maori für europäischen Siedler*innen Neuseelands). Ihr Großvater war Hawaiianer, ein Musiker, der von den Amerikanern nach Neuseeland geschickt wurde und dort für kurze Zeit gelebt hat. Cowries Herkunft ist eine globale.

Der Roman ist auch darüber hinaus als Widerstand gegen die Assimilation zu verstehen. So fließen Maori-Begriffe in den Text ein, ohne übersetzt oder erklärt zu werden. Cowrie thematisiert ebenso die Enteignung von heiligen Städten wie Bastion Point und Ka Lae und die gewaltsamen Reaktionen der Regierungen auf Protestbewegungen. Das Land wird hier als Ort verstanden, der erfahren werden kann – sinnlich und auch sexuell – und das von mythischen Figuren bevölkert ist. Die Vulkangöttin Pele formt das Land nach ihren Wünschen, das Meer beheimatet die Schildkrötenfrau Laukiamanuikahiki.

Diese Mythen sind es letzten Endes auch, die es Cowrie ermöglichen, ihre lesbische Identität und die traditionellen Werte ihrer Herkunftskulturen zu vereinen. Die Tradition des mündlichen Erzählens sieht es vor, Mythen der jeweiligen Situation entsprechend neu zu interpretieren. Indem Cowrie vereint, was bisher nicht zusammengehörte, findet sie Antworten, um zu überleben und um Widerstand zu leisten.

Cowrie greift trotz seiner Kürze zahlreiche Themen auf und verknüpft diese mühelos, ohne in irgendeiner Form überladen zu wirken. Die Themen – unser Umgang mit der Natur, Herkunft und Identität – sind brandaktuell, aber aus einer Perspektive geschrieben, welche den wenigsten Leser*innen bekannt sein dürfte. Vermutlich auch deswegen ist Cathie Dunsford hier leider kaum bekannt.

Cathie Dunsford wurde 1953 in Neuseeland geboren, viele Details ihrer Biographie decken sich mit der Geschichte Cowries. Sie hat 1983 ihren Doctor of Philosophy in English Literature erhalten und hat sich neben ihrer Lehrtätigkeit vor allem als Herausgeberin hervorgehoben. Über verschiedene Anthologien hat sie lesbischen Autorinnen in Neuseeland eine Veröffentlichung ermöglicht. Bei einem Deutschlandaufenthalt lernte sie Audre Lorde kennen, welche sie dazu ermutigte, ihren Debütroman zu schreiben. Auf Deutsch ist Cowrie unter dem Titel Kia kaha Cowrie (aus dem Englischen von Karin Meißenburg) bei Rogner & Bernhard erschienen, die Übersetzung ist leider auch antiquarisch nicht mehr erhältlich.

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