Benno Gammerl – anders fühlen: Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte

Benno Gammerl - anders fühlen. Schwules und lesbisches Leben ind er Bundesrepublik

In anders fühlen erzählt der Historiker Benno Gammerl die Geschichte der Homosexualität in der Bundesrepublik Deutschland neu. Es ist eine Geschichte, die sich zwischen Verstecken, Emanzipation und Normalisierung bewegt. Das mag nicht neu klingen, doch im Dazwischen liegt die Radikalität von Benno Gammerls Bericht. Aus einer Geschichte der Dualismen und der Umbrüche macht er eine Geschichte des Changierens und des Nebeneinanders.

anders fühlen ist eine Emotionsgeschichte. Das eigene Fühlen ist ein anderes, wenn das eigene Begehren ein Verbrechen ist oder gesellschaftlich geächtet wird, wenn die eigene Existenz abgesprochen wird. anders fühlen verliert sich deswegen aber nicht in einem rein konstruktivistischen Narrativ, das homosexuelle Menschen darauf reduziert, Opfer ihrer Umgebung zu sein.

anders fühlen konzentriert sich auf die Zeit zwischen den 1950er und 1980er Jahren. In den Nachkriegsdekaden war das alltägliche Leben von homosexuellen Männern in Deutschland vor allem von §175 geprägt, der einvernehmlichen Sex zwischen erwachsenen Männern unter Strafte stellte. Lesbische Frauen – und Frauen im Allgemeinen – wurde ein selbstbestimmtes Leben durch ihre sozio-ökonomische Position erschwert bis unmöglich gemacht. Der Kampf um Gleichberechtigung von frauenliebenden Frauen und männerliebenden Männern hat sich überschnitten, aber er war auch voller Unterschiede. Eine differenzierte Perspektive steht hier deswegen im Mittelpunkt.

Nicht alle Aktivist*innen wollten einen radikalen Umbruch in der Gesellschaft und ein Ende des Heteropatriarchats erreichen. Bereits in den 50er Jahren agierten bürgerliche Bewegungen im Verborgenen und mit äußerster Diskretion, um gesetzliche Reformen herbeizuführen. Nicht alle flüchteten vom Land in die Stadt und nicht alle überwanden im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche Ende der 1960er Jahre ihre Scham und ihre Angst, sondern nutzten diese Emotionen als Antrieb, um auf den Straßen für ihre Rechte zu protestieren. Benno Gammerl ist nicht daran interessiert, eine einheitliche Geschichte der Homosexualität zu erzählen und zeigt sie in all ihren Widersprüchen. Es ist ein erstaunlicher Verdienst dieses Buchen, dass keine der Positionen gegeneinander ausgespielt wird, dass die Menschen, die sie vertreten, im Vordergrund stehen.

Benno Gammerl hat für anders fühlen 32 Zeitzeug*innen interviewt, die auch in O-Tönen zu Wort kommen. Ihre Geschichte erzählt er in einem schlichten und entspannten Ton, deswegen aber nicht weniger anspruchsvoll. Der Text verliert sich nicht in Fachbegriffen, die nur Eingeweihten verständlich sind, glaubt deswegen aber nicht, seine Leser*innen für dumm verkaufen zu müssen.

anders fühlen beeindruckt, weil es zeigt, dass homosexuelle Menschen eine pluralistische Gemeinschaft mit unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen sind. Es ist möglich, gemeinsame Ziele zu verfolgen, ohne dabei die Differenz des Gegenübers aus den Augen zu verlieren. In dieser Offenheit – das was Queerness auszeichnet – liegt eine Radikalität, die man (nicht nur) in der deutschsprachigen Literatur lange Zeit vermissen musste.

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1 Kommentar zu „Benno Gammerl – anders fühlen: Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte“

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