Ben Fergusson: Tales from the Fatherland

Ben Fergusson - Tales from the Fatherland

“Life is filled with change, but there are only a few moments in which we are aware that we are standing in one life and that imminently we will be standing in another. Alice before the looking glass.”

Für Ben Fergusson und seinen Ehemann ist ein Freitagmorgen um 11 Uhr im Herbst 2018 einer dieser Momente. Zwei Tage zuvor haben sie den Anruf erhalten: ein vier Wochen alter Junge wartet darauf, von einer Familie adoptiert zu werden. Nur ein Jahr nachdem die Ehe für alle es möglich gemacht hat, sind die beiden eines der ersten schwulen Paaren in Deutschland, die ein Kind adoptieren.

Tales from the Fatherland: Two Dads, One Adoption and the Meaning of Parenthood von Ben Fergusson erzählt genau diese Geschichte in Form eines Essays, das Theorie und Persönliches vereint. Natürlich hat es schon immer queere Familien gegeben: Lesbische Mütter, schwule Väter und trans Eltern haben Kinder aus früheren Beziehungen mit in eine neue Partnerschaft gebracht oder haben sich zusammengefunden, um den Wunsch nach einem Kind gemeinsam zu erfüllen. Doch auch weil diese Familienkonstellationen gesetzlich nicht anerkannt wurden, wurden sie in der Öffentlichkeit als Familien oft nicht wahrgenommen.

Fergusson beschreibt, dass er sich aufgrund des Mangels an Vorbildern lange Zeit nicht vorstellen konnte, Vater zu werden. Vielen queeren Menschen wird es ähnlich gehen. Doch außerhalb der Norm zu stehen, ermöglicht es auch, einen individuellen Weg jenseits der Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft einzuschlagen, und mit dem Blick des Außenstehenden Verhaltens- und Denkmuster zu analysieren. Und deswegen erzählt das Buch nicht nur von den eigenen Erfahrungen, sondern von Elternschaft im Allgemeinen.

Tales from the Fatherland erzählt von Vorurteilen gegenüber Samenspenden und Leihmutterschaft (ohne dabei wichtige Kritikpunkte zu ignorieren), den Müttern und Vätern, denen Egoismus vorgeworfen wird, und von ungleich verteilter Care-Arbeit: „But I have never met a single straight couple with childen in which childcare is shared equally and in which both parents have the same professional status and earnings in their relationship. For a Guardian-reading, urban-dwelling homosexual who has only ever worked in female-dominated industries, that is remarkable. It is not an imbalance; it’s a scam.“ Und auch in diesem Sinne ist das Buch ein Text über Identität. Es sind Mütter und nicht Väter, die sich die Frage „Wer bin ich?“ stellen müssen, sobald die Kinder das Haus verlassen haben. Denn sie sind es, die für das Wohl ihrer Kinder ihre Identität aufgeben.

Natürlich schreibt Fergusson auch darüber, was es bedeutet, als schwuler Mann ein Kind adoptiert zu haben. Wenn er allein mit seinem Sohn das Haus verlässt, wird er in der Regel nicht als schwuler Vater erkannt. Stattdessen sehen die meisten in ihm einen Vater, welcher der Mutter seines Kindes eine wohlverdiente Auszeit gibt – Väter erziehen nicht, sie babysitten. Die freundlich gemeinten Fragen und Anmerkungen von Fremden, aber auch Freund*innen und Kolleg*innen, wenn er gemeinsam mit seinem Mann unterwegs ist, offenbaren die tiefsitzenden Vorurteile gegenüber adoptierten Kindern und queeren Familien. Es ist wenig verwunderlich, dass queere Familien sich oft gezwungen sehen, sich zu rechtfertigen. Das Buch liefert einen Überblick der Statistiken und Untersuchungen, die belegen, dass es Kindern in queeren Familien durchschnittlich besser geht als Kindern in heterosexuellen Familien. Doch eine Rechtfertigung birgt immer die Gefahr, dem Gegner zuzustimmen. Eine Rechtfertigung impliziert immer, dass es etwas zu rechtfertigen gibt. Auch das reflektiert das Buch.

Bei Büchern wie Tales from the Fatherland entsteht schnell der Eindruck, dass sie für ein bestimmtes Publikum geschrieben sind. Dass hier vor allem Eltern und solche, die es werden wollen, angesprochen werden, dass Kinderlose, die sich mit dieser Entscheidung wohlfühlen, außerhalb einer unsichtbaren Grenze stehen, die sie von der Welt der Mütter, Väter und Eltern trennen. Ich möchte allerdings argumentieren, dass jeder, unabhängig von der eigenen Situation, etwas aus dem Buch für sich mitnehmen kann. Denn gängige Familienmodelle über den Haufen zu werfen, bedeutet auch zu hinterfragen, wie wir unsere Beziehungen zu Freund*innen gestalten, wenn sich diese für oder gegen Kinder entscheiden. Tales from the Fatherland ist durchaus auch als ein Plädoyer für eine andere Art des Miteinanders zu verstehen.

Ben Fergusson gelingt mühelos das Ziel eines persönlichen Essays: seine Leser*innen an die Hand zu nehmen und ihnen einen kleinen Einblick in das Leben des Schreibenden zu gewähren, vor allem aber, sich selbst kennenzulernen und die eigenen Annahmen zu hinterfragen.

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