„Sie selbst hatte es geschafft, 28 Jahre lang unauffällig zu bleiben, nur um kurz vor ihrem 29. Geburtstag jemanden auf der Suche nach einer mythischen Legende in den Tod zu schicken. Selbst für eine Zeit, die das Realitätsverständnis der Menschheit in immer kürzeren Abständen mit absurden Ereignissen auf die Probe stellte, war das eine erstaunliche Wendung.“
Seit ihrer Kindheit hat Johanna, genannt Jo, die unschuldige Fantasie, eine Vampirin zu küssen. In Ermangelung ihrer Erfüllung macht sie als Erwachsene das nächstbeste: In London beginnt sie unter der Aufsicht von Clover, einem Professor an der Universität in Norwich, über die Legenden, Mythen und Sagen des blutsaugenden Volks zu forschen. Doch dann wird Clover ermordet. Gemeinsam mit Computergenie Tokio muss Jo nicht nur den Fall auf eigene Faust aufklären, sie sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Fantasie doch noch in Erfüllung gehen könnte.
‚Blackburn‘ von Anne Bax ist eine Fandom-Hommage des queeren Erwachens: Verweise und Referenzen auf Serien wie ‚Buffy the Vampire Slayer‘, ‚True Blood, ‚Interview with the Vampire‘, aber auch ‚Killing Eve‘ und ‚Fleabag‘ (und viele mehr) geben sich hier die Ehre, um die Geschichte einer Frau zu erzählen, die aus ihrem stinknormalen Leben in eine unbekannte Welt katapultiert wird, in der alle Fantasien des Begehrens, der Rache und so weiter und so fort in Erfüllung gehen. Oft waren es genau diese Fandoms, die das queere Potenzial der Figuren durch ihr Intervenieren in Form von Fan-Fictions ausgeschöpft haben.
Auch die Form des Romans ist eine Hommage an diese Kultur, denn ‚Blackburn‘ ist ein über 500 Seiten starker Slowburn. Dass Jo und Vampirin Red AKA Blackburn das Endgame dieses Romans sind, ist von Anfang an klar. Der Spaß besteht darin, Kapitel für Kapitel Teil einer nicht enden wollenden Edging-Session zu sein, bis die Geschichte, die Figuren (und vielleicht auch die Leser*innen) ihren Mega-Höhepunkt erreichen. In der Welt der Fan-Fictions werden diese Geschichten ihren Leser*innen oft häppchenweise serviert. Über Wochen und Monate warten sie auf neue Kapitel, in denen die Autor*innen einmal mehr ihre Kreativität unter Beweis stellen können, die Figuren weiterhin auf Abstand zu halten, obwohl klar ist, dass sie sich vor Begehren verzehren.
In diesem Slowburn steckt auch eine Enemy-to-Lovers Story und viele weitere Tropes, wie es heutzutage auf BookTok heißt. Dass das nicht unbedingt etwas Neues ist und sich dahinter Stoffe und Motive verbergeben, wie sie in der akademischen Welt geschimpft werden, ist klar. Aber: In den Fan-Communitys ist das ein alter Hut. Hier finden sich ganze Archive zu bestimmten Tropes oder auch Prompts, besonders beliebt sind seit jeher die sogenannten Slash-Fictions in denen zwei Figuren des gleichen Geschlechts, die in den Vorlagen eigentlich heterosexuell sind, füreinander (sexuelle) Gefühle entwickeln. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es genau diese Geschichten sind, denen wir die Vielfalt an queerer Repräsentation zu verdanken haben. Denn irgendwann haben auch diejenigen mit der Macht zu entscheiden begriffen, wie stark der Bedarf an solchen Storys ist (und natürlich auch, dass sich damit Geld verdienen lässt). ‚Blackburn‘ ist ein Zelebrieren dieser Archive der Freiheiten und des Andersseins.
Dass die Bösewichte eindeutig böse sind, dass die Heldinnen einen cleveren One-Liner nach dem anderen parat haben, dass die Story zweitrangig ist – all das ist in einer Geschichte wie dieser vollkommen egal. Hier funktioniert das, extrem gut sogar. Denn ‚Blackburn‘ soll vor allem eins: Spaß machen. Und das tut es.
Zugegeben, ich hätte wahrscheinlich nie von alleine nach einem Buch wie diesem gegriffen. Umso glücklicher bin ich, dass ich es doch getan habe. Auch weil es mich an meine ersten queeren Lektüren erinnert hat, die ich damals nicht in Büchern, sondern in den Weiten des World Wide Webs in Form von Fan-Fictions über ‚Buffy the Vampire Slayer‘ gefunden habe (in denen sich die beiden sich eigentlich hassenden und heterosexuell orientierten Vampire Angel und Spike füreinander zu interessieren beginnen, ein Ship, das von seinen Fans liebevoll ‚Spangel‘ getauft wurde). Und für all jene, welche in Fan-Fictions und Online-Communitys gelernt haben, dass sie ihr Anderssein mit anderen teilen, daraus sogar eine kreative Kraft schöpfen können, wird sich ‚Blackburn‘ von Anne Bax wie eine wohlige (und sexy) Umarmung anfühlen.