Yves Petry – In Paradisum

Yves Petry - In Paradisum

„Wenn es auch nicht die vollständige Wahrheit war, so war es doch zumindest eine ansprechende Geschichte.“

Marino sitzt im Gefängnis. Er wurde dafür verurteilt, Bruno Klaus getötet und teilweise verspeist zu haben. Nun ist es an der Zeit die Version der Geschichte zu erzählen, die nicht dazu dient, das Gericht milde zu stimmen. Bruno, der Verstorbene und Verschlungenen erzählt, Marino, der Verurteilte, schreibt auf.

In Paradisum (aus dem Niederländischen von Gregor Seferens) von Yves Petry erzählt nur augenscheinlich die Geschichte des Kannibalen von Rotenburg. Die Ausgangssituation ist die Gleiche, der Rest hat nur wenig mit den tatsächlichen Ereignissen zu tun. Viel mehr spielt Petry mit unseren Erwartungen, um – unter anderem – von den Grenzen der Literatur als Interpretation einer objektiven Wahrheit zu erzählen.

Bereits die Perspektive lässt erahnen, dass es in diesem Roman nicht mit rechten Dingen zugeht, dass ein gewisses Misstrauen, ein Zwischen-den-Zeilen-lesen, durchaus angebracht ist. Denn erzählt wird die Geschichte von Bruno, der, nachdem Marino ihn in Teilen verschlungen hat, sich nicht wirklich tot fühlt: „Ich habe unglaubliche Lust zu sprechen.“

Dass Bruno die Geschichte erzählen will, verwundert wenig – und dann wieder doch. Immerhin war Bruno zu Lebzeiten ein – relativ erfolgloser – Literaturwissenschaftler, der allerdings keinerlei Ambitionen hegte als Schriftsteller tätig zu sein. Als Bewunderer der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts ist sein Schreibduktus dem eines Humpert Humpert nachempfunden. Und wer Vladimir Nabokovs Lolita gelesen hat, weiß, dass einem Humpert Humpert nicht unbedingt zu trauen ist.

Der Versuch, das Bizarre irgendwie begreiflich zu machen, kann nicht gelingen: Bruno erzählt von der Kindheit Marinos, von seinem stets abweisenden und zu früh verstorbenen Vater, von seiner allzu einnehmenden Mutter. In der Erzählung reiht sich ein Klischee an das andere, weil die Psychologie als Erklärung des Unfassbaren nicht geeignet ist.

Nicht viel anders sieht es mit Brunos Erzählung über seine eigenen Beweggründe aus. Auch er war in seiner Tätigkeit als Lehrender eine Art Kannibale: Er labte sich am Geist jener, die er für unsterblich hielt, den großen Autoren des 20. Jahrhunderts, die er dafür bewunderte, dass sie etwas nicht Wiederholbares geschaffen haben. Doch nach vielen Jahren an der Universität kommt der Zusammenbruch, die Gewissheit, dass er an eine Illusion geglaubt hat. Ist Bruno nicht viel mehr als ein moderner Don Quixote, der von der Literatur in den Wahnsinn getrieben wurde?

In Paradisum offenbart der Reihe nach das Scheitern von Literatur, Psychologie, Religion und der Wissenschaft. Ein objektiver Zugang zu den Ereignissen ist nicht möglich. Die Wahrheit entsteht im (schriftlichen) Erzählen. Sie wird eindeutig wie ein Elementarteilchen, das sich auf einer Vielzahl von möglichen Bahnen bewegt, und dessen Verhalten durch die Beobachtung festgelegt wird.

Yves Petry hat nur vornehmlich einen Roman über den Kannibalismus geschrieben. In Paradisum ist vielmehr ein Buch über die Literatur und auch ihre Unzulänglichkeiten. Das ist klug, bitterböse und vor allem: große Literatur.

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