„[…] ich hatte mir Strategien ausgedacht, du solltest meine letzte, endgültige Liebe sein, mein letzter Freund, ich wollte dir deinen, meinen Tod ablisten, wie eine Frau einem ahnungslosen Jungen ein Kind anhängt, so hatte ich mir den Tod anhängen lassen wollen, du liessest es nicht zu.“
Zu Lebzeiten hielt Walter Vogt (1927-1988) seine autobiografische Erzählung ‚Zwei Männer in einem Raum‘ für nicht publizierbar. Nun ist der 1986 entstandene Text in der Wallstein‘schen ‚Reihe der Autor:innen‘ erschienen. Und siehe da, in Teilen ist die Erzählung ein Kind ihrer Zeit, in anderen ist sie ihr weit voraus.
Zwei Männer in einem Raum, der eine wacht, der andere schläft. Der eine ist ein Verschonter, der andere ein Betroffener. Zwischen ihnen steht das positive Ergebnis eines AIDS-Testes. Und obwohl sie sich in einer Bar kennenlernen, spielt der eine sofort seine Rolle als Arzt, während sein Gegenüber zum Patienten wird. Wie einst auch Scheherezade beginnt der Verschonte zu erzählen und versucht so, dem Tod Einhalt zu gebieten. Es ist ein Selbstgespräch, das versucht die Beziehung zwischen den beiden Männern zu ergründen, dem Gegenüber irgendwie beizukommen und diesem so ein Denkmal zu setzen, das dem Tod zu trotzen vermag.
Geschrieben ist ‚Zwei Männer in einem Raum‘ als Bewusstseinsstrom in einer Sprache, die getrieben ist und deren Sätze sich über mehrere Seiten winden. In diese bricht immer wieder das Klinische, die kalte Analyse des Mediziners ein, eine „Berufsdeformation“ wie es der Erzähler nennt. Das Du, zu dem er spricht, ist jedoch wandelbar. Es meint nicht nur den Schlafenden, sondern auch „den Jungen mit den ruhelosen Augen“, eine verflossene Liebe. So wird der Schlafende zu einem Spiegel, der am Leben erhalten bleiben muss, weil er auch das Licht des anderen zurückwirft.
‚Zwei Männer in einem Raum‘ ist auf 1986 datiert und muss im Kontext seiner Entstehungszeit betrachtet werden. Zu dieser Zeit wurden vor allem Sachbücher und Ratgeber veröffentlicht, literarische Auseinandersetzungen mit HIV und AIDS folgten erst zu Beginn der 1990er Jahre. Walter Vogt standen für seine Erzählung also nur wenige literarische Fixpunkte bezüglich der Epidemie zur Verfügung, an denen er sich hätte orientieren können. Das macht ‚Zwei Männer in einem Raum‘ auch zu einem der wenigen literarischen Zeitdokumente der frühen Jahre der Epidemie, die aus dem Währenddessen heraus erzählt sind und nicht erst im Rückblick. Vogt greift Diskurse der Zeit auf wie das Anpassen des Sexualverhaltens queerer Männer, sei es Safer Sex durch Kondome (die seit den Behandlungsmöglichkeiten von Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Gonorrhöe keine große Rolle mehr spielten), der Rückzug in eine monogame Beziehung oder auch der komplette Verzicht auf Sex. Die Beziehung zwischen Tod und Sexualität kam für viele aber auch dem Versprechen der anhaltenden Todessehnsucht gleich.
Viele der Themen, die für die noch folgende HIV- und AIDS-Literatur typisch sein sollte, thematisiert die Erzählung oder reißt sie zumindest an. Das ist bei näherer Betrachtung nicht weiter verwunderlich. Zum einem konnten Schriftsteller*innen auf eine lange literarische Tradition zurückgreifen, wurde (und wird) Homosexualität doch in vielen Teilen der Welt als Krankheit verstanden. Zum anderen war Walter Vogt ein ausgebildeter Röntgenarzt und Psychiater, der bereits 1966 in seinem Debütroman ‚Wüthrich: Selbstgespräch eines sterbenden Arztes‘ das Gesundheitssystem satirisch auseinandergenommen hat.
Weitaus überraschender ist, wie sich Vogt dem Thema Gender nähert. Auch wenn ihm unsere heutige Sprache mit Begriffen wie nonbinär und trans nicht bekannt ist, wird klar, dass er mit festen Zuschreibungen bezüglich seiner Sexualität und Kategorien wie Mann und Frau hadert.
Die Erzählung umrahmen ein ‚Vorbeben‘ von Walter Vogts Weggefährten, dem Schweizer Schriftsteller Christoph Geiser, das die Panik und Paranoia der AIDS-Epidemie heraufbeschwört, und ein ‚Nachbeben‘ von Kim de l’Horizon, welches nachspürt, inwiefern wir alle als Teil einer rassistischen und vergeschlechtlichten Gesellschaft sozialisiert werden und inwiefern Vogt diese Denkmuster reproduziert, aber auch aus ihnen auszubrechen versucht. Mir selbst bleibt zu der knapp 50 Seiten langen Erzählung nichts mehr zu sagen, außer: ‚Zwei Männer in einem Raum‘ ist ein kleiner Text, der Großes vollbringt.
Zur Inszenierung: Der Hintergrund zeigt eine Neuinterpretation von Caravaggios ‚Der ungläubige Thomas‘. Das Bild des italienischen Künstlers Vesod befindet sich an der Außenwand der JVA Dortmund.