Thomas Mann – Der Tod in Venedig

Thomas Mann - Der Tod in Venedig

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach reist nach Venedig, wo er sich in den 14jährigen Tadzio verliebt, diesen durch die Cholera verseuchte Stadt verfolgt – und am Ende stirbt. Lange Zeit war Der Tod in Venedig Teil des schwulen Kanons. Aber muss man die Novelle heute noch lesen?

Bevor hier irgendwelche falschen Erwartungen aufkommen: Ja, auch heute sollte man Der Tod in Venedig noch lesen. Das Thema Homosexualität kommt in vielen Werken Manns vor, – wenn auch codiert – wurde aber erst nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher und seinem öffentlichen Outing nach und nach in neueren Interpretationen berücksichtigt. Alte, weiße Männer mussten ihren deutschen Nationalliteraten aber trotzdem nicht aufgeben: Sie konnten sich insgeheim daran erfreuen, dass Mann immerhin so viel Anstand besessen hat, Homosexualität mit Tod und Krankheit gleichzusetzen und so – scheinbar – auch zu verurteilen. Von schwulen Männern wurde Der Tod in Venedig aber trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, seit jeher gelesen. Heute gibt es erste Ansätze, sein Werk auch queer zu deuten (wenn auch nicht wirklich an deutschen Universitäten). Andere werfen Mann in den Topf der alten weißen Männer. Wieso sollte man einem Werk so viel Beachtung schenken, in dem Frauen so schlecht wegkommen und Homosexualität im schlimmsten Fall mit Pädophilie gleichgesetzt wird. Aber wo liegt nun die Wahrheit? Wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Dass Gustav von Aschenbach sein Herz an einen Knaben verliert, mag heutigen Lesern vor den Kopf stoßen. Tatsächlich diente das Motiv der Knabenliebe gegenüber zeitgenössischen Lesern aber als Rechtfertigungsstrategie. Mann beschwört das antike Griechenland herauf, in dem Aschenbach das Objekt seiner Begierde Tadzio mit den Jünglingen Ganymedes und Hyakinthos vergleicht, die von den Göttern Zeus und Apollon geliebt wurden. Abseits davon, dass die griechische Antike lange Zeit für schwule Männer als Code für homosexuelle Beziehungen gedient hat, hätten sich auch konservative Leser nicht das Maul über eine Kultur zerrissen, die sie zum Fundament der westlichen Zivilisation erklärt haben. Um über ein Thema zu schreiben, dass ihm offensichtlich am Herzen lag, musste Mann sich vor einem Skandal schützen. Aber Thomas Mann wäre nicht Thomas Mann wenn er es bei einem Motiv belassen würde: Bei seinem Versuch, dem Alter zu entkommen und dadurch Tadzio näher zu sein, lässt Aschenbach sich künstlich verjüngern und verliert spätestens dabei sein letztes bisschen Würde. Die konstante Angst vor dem Tod, das Hinterherjagen der ewigen Jungend – all das sind Themen, die auch dem schwulen Mann von heute vertraut sein sollten.

Tadzio dient dem alternden Schriftsteller aber auch als Muse. Wie schon bei Platon will Aschenbach über das Sinnliche zur Erkenntnis gelangen und beginnt in Anwesenheit Tadzios zu schreiben. Im nächsten Schritt macht Mann sich über solche Vorstellungen lustig – welche es zu der Zeit im Kreis rund um Stefan George noch gab. Denn am Ende schreibt der vom Jüngling inspirierte Aschenbach nicht viel mehr als anderthalb Seiten.

Niemand kann dem Tod entkommen. Auch der geneigte Leser nicht, der Mann verteidigen will. Aschenbach muss sterben. Seine Kondition lässt nichts anderes als ein tragisches Ende zu. Von Anfang an wird er verfolgt von Todesboten, fremdländisch wirkenden Männern, die den pflichtbewussten Schriftsteller der Welt der Bürgerlichkeit entreißen und ihn Anstand und Moral vergessen lassen, bis er sich schließlich vollkommen den entfesselten Kräften des Dionysischen hingibt – und seinem Todesboten Tadzio hinausfolgt ins Meer, dem Verheißungsvoll-Ungeheurem. Der Tod als Befreiungsakt. All diese lange Zeit als Todesboten interpretierten Männer weisen jedoch auch Merkmale auf, die sie als queer kennzeichnen. Von ihrer Kleidung bis hin zu der Art wie sie Aschenbach begegnen. Ausgerechnet in einem Park begegnet Aschenbach dem ersten dieser Männer, wo sie nichts anderes tun, als sich mit Blicken zu verständigen. Es hat lange Zeit gedauert, aber endlich können wir sagen, dass Thomas Mann über das Cruisen geschrieben hat.

Macht es Sinn diese gegensätzlichen Interpretationen voneinander zu trennen? Vermutlich nicht. Mann ist nicht jeder Kritik erhaben, doch seine vielschichten Texte sind ein Indikator dafür, dass auch Mann innerlich zerrissen war, dass er sein Begehren und seine bürgerliche Erziehung nicht miteinander versöhnen konnte.

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