Stefan Zweig – Verwirrung der Gefühle

Stefan Zweig – Verwirrung der Gefühle

„Einer der wichtigsten Coming-Out-Texte der Weltliteratur“. Steht zumindest so im Klappentext von Stefans Zweigs Verwirrung der Gefühle. Woran liegt’s? Vermutlich daran, dass sich hier niemand am Ende – wenn die Gefühle nicht mehr ganz so verwirrend sind – in den Tod stürzt.

Zu seinem 60. Geburtstag beginnt ein Professor sich zu erinnern. Denn was er auf den Seiten der Festschrift sieht, die er von seinen Kollegen und Studenten geschenkt bekommen hat, erkennt er kaum wieder, „das Wesenhafte fehlt.“ Als junger Mann studiert er für kurze Zeit an einer Berliner Universität Anglistik, ein Semester, das sich am besten als hedonistisch charakterisieren lässt. Damit der junge Spross sich nicht mehr vom Berliner Nachtleben und leichten Frauenzimmern ablenken lässt, wird er kurzerhand vom Vater an eine kleine Universität irgendwo in Norddeutschland verfrachtet. Hier zieht er in das Zimmer über der Wohnung seines Professors und dessen Ehefrau: Das Drama ist vorprogrammiert.

Roland, so der Name des jungen Mannes ist sofort von seinem neuen Professor fasziniert, seine leidenschaftlichen Worte zu Shakespeare penetrieren ihn geradezu. Und so ist die ursprüngliche Abneigung gegen das Studium auch ganz schnell überwunden, innerhalb weniger Nächte werden die Werke Shakespeares verschlungen. Und mal ehrlich: Wer von uns hat nicht schon mal, um den Angebeteten zu imponieren, in einem Schriftsteller, der uns zuvor schnurzpiepegal war, plötzlich ein Genie erkannt?

Die Beziehung zwischen Schüler und Professor steht ganz im Sinne des pädagogischen Eros: Rolands jugendliche Begeisterung ist es, die den alternden Professor dazu animiert, sein lang angekündigtes Werk zum elisabethanischen Theater endlich in Angriff zu nehmen. Trotzdem ist Roland sowohl von Worten als auch Taten des Professors verwirrt. Wieso geht er immer wieder auf Distanz? Hat er etwa ein Geheimnis? Tatsache, er hat eins, allerdings ist es nur für Roland eins. Der Leser kann seinen Finger sofort auf die Wunde mit dem Namen Homosexualität legen. Im Zimmer des Professors finden sich eine ganze Fülle an Ikonen der schwulen Literatur: die Schule Athens, von Ganymed und dem Heiligen Sebastian, der Professor selbst wird mit Sokrates verglichen.

Die Novelle über die unterdrückte Homosexualität wusste schon Freud zu begeistern. Ihren Platz im schwulen Kanon hat Verwirrung der Gefühle aber auch erhalten, weil das Thema Homosexualität von Zweig nicht pathologisiert wird. Im echten Leben war der Schriftsteller dann aber nicht ganz so mutig. Als er bezüglich der realen Vorbilder zum Roman befragt wurde, soll er etwas über einen Cousin gestammelt haben.

Roland gesteht seinen Lesern als 60-jähriger Mann mit Frau und Kind, dass sein Professor der einzige Mensch ist, den er je wirklich geliebt hat. Für seine Zeit ist dieses Geständnis in seiner Schlichtheit sicherlich radikal, darüber hinaus bietet er zeitgenössischen Lesern allerdings nicht viel. Verwirrung der Gefühle ist ein Klassiker der schwulen Literatur, der vermutlich nur die Hartgesottenen interessieren wird. Schön zu lesen ist er trotzdem.

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