Simon Chevrier – Foto auf Anfrage

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Als ich Thibaut mein schiefgelaufenes Treffen mit Alexis anvertraue, fallen mir in seinem Zimmer ein paar Neuigkeiten ins Auge: eine Pflanze auf seinem Schreibtisch, ein blau übermaltes Möbelstück und einige über seinem Bett mit Tesa befestigte Fotos. Darunter ein Schwarz-Weiß-Abzug eines jungen Mannes mit vornübergebeugtem Körper, der an seinem rechten Zeh lutscht. […] Er hat eine gerade Nase, ist unbestreitbar fotogen und fängt das Licht auf eine Weise ein, wie es nur wenigen Models gelingt. Es liegt eine Tiefe in seinen Zügen, in seinem Blick, eine leichte Spannung zwischen seinen Augen und dem Objektiv.

Toulouse, 2020: Ein junger Mann entdeckt in der Wohnung seines Ex-Freundes das Portrait ‚Daniel School Sucking Toe‘ des legendären New Yorker Fotografen Peter Hujar. Wer ist dieser Mann auf dem Foto, der mit dieser einen Geste, sinnlich und zugleich kindlich, zu provozieren weiß? Simon Chevriers ‚Foto auf Anfrage‘ (aus dem Französischen von Christian Ruzicska) erzählt vom Suchen, vom Verschwinden und von der Hoffnung, dass doch etwas bleibt.

Foto auf Anfrage‘ ist ein Protokoll dieser Suche nach Daniel Schook. Es ist ein Protokoll in Momentaufnahmen, Alltagsszenen wie Gelegenheitsjobs, Chats, Grindr-Dates und gelegentlichen Aufträgen als Escort. Die kurzen Absätze des Romans lesen sich leicht weg und so könnte (leichtfertig) der Eindruck entstehen, es würde nicht viel passieren. Tatsächlich erinnert Chevriers textliche Komposition an die Rasterhängungen von Peter Hujar. Dieser kombinierte in seinen Ausstellungen die Photographien von Personen, lebenden und toten Tiere, Landschaften und Architektur, um immer wieder neue Lesemöglichkeiten zwischen den Bildern zu ermöglichen. Auch Chevrier scheint dem Axiom zu folgen, dass die Summe der Teile mehr als das Ganze ist. Natürlich, der Roman folgt einer gewissen Sequenzialität, doch wird der Text weniger von einer Handlung (abseits der Suche) zusammengehalten als von seinen verschiedenen Themen und Motiven, die im Wechselspiel neue Bedeutungsebenen eröffnen.

Die Suche nach der Person hinter dem Foto ist letzten Endes natürlich auch eine Suche nach sich selbst. So beginnt der Ich-Erzähler den Roman mit einem Inventar seiner selbst: seinem Aussehen („Meine Augen sind grün.“), seiner Kleidung („Was Schuhe betrifft, so trage ich ausschließlich die von Dr. Martens und Superga in schwarz.“), seiner direkten Umgebung („Von Wohnblöcken und Hochhäusern umschlossen, ist das Viertel eher grau.“). Hinter diesem Inventar verbergen sich die zwei großen Themen des Romans, die Suche nach Nähe in Zeiten der digitalen Entfremdung und die Frage, was Performance und was echt ist.

Immer wieder trifft der Erzähler die verschiedensten Männer – seien es Dates, seien es Kunden – die sich wie er nach Nähe sehnen. Und doch scheitern sie allesamt bei dem Versuch, sich wirklich zu begegnen: „Er erzählt mir von seinem Werdegang, seinem Philosophiestudium. Er redet mehr als ich, stellt mir kaum Fragen. Er begleicht die Rechnung und wir trennen uns, ohne wirklich zu wissen, was wir wollen.“ Die Männer objektifizieren ihn oder projizieren ihre eigene Einsamkeit auf ihn, doch auch er teilt die Männer in Kategorien, in ein Entweder-oder ein. Identität wird hier zu einer Performance, einer Kategorie, – aktiv oder passiv, sexuelle Vorlieben, etc. – der man sich per Klick zuordnet. Ein Ausbrechen aus diesen Kategorien wird entsprechend geahndet: „Allerdings gestand mir ein Ex, der mir Jahre nach unserer Trennung über die App vorschlug, noch einmal miteinander zu schlafen, mitten im Liebesspiel seine Irritation. Dann fing er an zu lachen, als wäre das Führen des anderen eine Rolle, die man spielen musste, und ich für diese Komödie einfach nicht geschaffen.“ Was den Erzähler an der Photographie fesselt – Wie viel davon ist Performance, wie viel das eigene Begehren? – ist etwas, wovon er sich selbst zu befreien versucht. Er will das Komödienspiel, das Inventar der Oberflächlichkeiten durch etwas Anderes, durch etwas Authentisches ersetzen.

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Die Suche nach Daniel Schook führt den Erzähler in das New York der 1980er Jahre, in die Welt der Protagonist*innen des berühmten Chelsea Hotels und in die Leben von Peter Hujar und seinem Partner und künstlerischen Weggefährten David Wojnarowicz. Peter Hujar (1934-1987) sollte Zeit seines Lebens nicht der Durchbruch in den Mainstream gelingen. Heutzutage kennen viele mindestens eine seiner Photographien, selbst wenn ihnen der Name Peter Hujar nichts sagen sollte. Sein Portrait von Susan Sontag, sie mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf einem Bett liegend und in die Luft schauend, beispielsweise gehört zu den ikonischsten Aufnahmen der Autorin und Kulturkritikerin. Bekannt sind seine Bilder vor allem aber auch deswegen, weil sie immer häufiger auf Buchcovern zu finden sind. Dazu gehören Titel von Ingrid Nunez, Julia May Jones, Nate Lippens, Garth Greenwell und allen voran Hanya Yanagiharas ‚Ein wenig Leben‘ (aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner), das mit Hujars ‚Orgasmic Man‘ ein Gesicht erhalten hat.

Peter Hujar, der an den Folgen einer AIDS-bedingten Erkrankung gestorben ist, gilt auch als Chronist einer Zeit, die durch die AIDS-Epidemie und die dadurch massiv vorangetriebene Gentrifizierung ein Ende gefunden hat. Chevriers ‚Foto auf Anfrage‘ spielt zwar kurz vor und zu Beginn der Covid-Pandemie, versucht allerdings keine plakativen Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu ziehen. Wie Hujars Rasterhängungen öffnet Chevier vielmehr immer wieder neue Assoziationsräume in der scheinbaren Beiläufigkeit seines Schreibens. Das funktioniert auch, weil er sich diesen Themen ebenso auf einer persönlichen Ebene nähert, indem er seine Figur beispielsweise mit der Krebserkrankung seines Vaters und dessen frühzeitigen Tod konfrontiert.

Hinter der zurückgenommen, ja, fast kühlen Sprache von ‚Foto auf Anfrage‘ verbirgt sich trotz allem eine durchaus bewegende Geschichte, erzählt die Suche nach einem Menschen, dessen Spuren sich scheinbar im Nichts verlieren, doch von nichts anderem als von der Furcht, selbst zu einem der Verschwundenen zu gehören. Simon Chevrier gelingt es, in der Aneinanderreihung von Momentaufnahmen ein Bild zu erschaffen, dessen Konturen jenseits seines Rahmens Form annehmen, ein Bild, das von Entfremdung, Trauer und der Suche nach Nähe und Authentizität erzählt.

Zur Inszenierung: Die Bilder zeigen die Photographie ‚Daniel Schock (Close-up)‘ von Peter Hujar. Sie sind im Gropius Bau entstanden, wo bis zum 28.06.2026 die Ausstellung ‚Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision‘ zu sehen ist. Parallel dazu zeigt die Bundeskunsthalle Bonn bis zum 23.08.2026 die Ausstellung ‚Peter Hujar. Eyes Open in the Dark‘.

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