Sasha Marianna Salzmann – Außer sich

Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

Die Eltern kommen als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland, aus dem postsowjetischen Moskau in die westdeutsche Provinz. Alissa und ihr Zwillingsbruder Anton kommen mit, gemeinsam durchläuft man die Stationen der kommenden Jahre – das Asylheim ohne Privatsphäre und auch die hart erkämpfte eigene Wohnung – doch als ein Gemeinsames kommt man nicht irgendwo an. Jahre später verschwindet Anton. Was bleibt ist eine Postkarte aus Istanbul, ohne Text und ohne Absender. Hier beginnt Alissa ihre Suche – nach ihrem Bruder und sich selbst. Sie führt Alissa in die Vergangenheit ihrer Familie und jenseits der Grenzen von Geschlecht, Sprache und Subjektivität.

Hier in der Fremde stellt sich Alissa den Erinnerungen ihrer Familie, die wie Folien übereinander liegen, sich ergänzen, aber kein Ganzes ergeben. Es sind die Geschichten ihrer Eltern und ihrer Großeltern, Geschichten, die sich über Jahrzehnte und Kontinente hinweg erstrecken, deren Bruchstücke ineinander übergehen. Wo beginnt die eigene Geschichte und wo die der anderen? Der Versuch die Folien und die Bilder, die sie ergeben, zu ordnen, markiert für Alissa den Beginn von sich selbst als ich zu schreiben und zu denken, ein Prozess, den die Perspektiven des Textes spiegeln.

In Istanbul begegnet Alissa Katho, einem jungen Mann aus der Ukraine, der sein Geld noch als Tänzerin verdient, doch, sobald das Testosteron einen ersten Schatten auf sein Gesicht wirft, wird weiterziehen müssen. Eines Tages steht Alissa vor ihm, sie will auch etwas von dem Zeug nehmen: „Irgendwas in mir hatte gesprochen, und ich folgte diesen Wörtern, die aus mir herausfolgen wie Vögel.“ Alissa ist Ali, ist Anton, ist Schwester, ist Bruder, ist ich.

Der Debütroman Außer sich von Sasha Marianna Salzmann ist voller literarischer Referenzen. James Baldwin, Jeffrey Eugenides und auch Virginia Woolfs The Waves finden sich unter anderem in diesem Text wieder. Dieses Gewebe aus Zitaten, wie Roland Barthes es beschrieben hat, gibt dem Inhalt Form. Auch Alis Geschichte ist nicht nur die seine, ist die von Anton, von Valja, Kostja, Schura und von vielen anderen. Außer sich ist ein Roman über die Bruchstücke in unseren Leben, die sich nicht zusammenfügen lassen und die Leerstellen, die zwischen ihnen entstehen. Es ist die Fiktion, welche diese zu füllen vermag. Und es ist die Sprache, mit derer wir unsere Gegenüber, die uns immer irgendwie fremd sind, greifbar machen.

Sasha Marianna Salzmann ist Autor*in, Dramatiker*in, Essayist*in und Kurator*in. Von 2013 bis 2016 war sie* Hausautor*in am Maxim Gorki Theater in Berlin, gemeinsam mit Max Czollek initiierte sie* den Desintegrationskongress und die Radikalen Jüdischen Kulturtage. 2021 erschien Salzmanns zweiter Roman Im Menschen muss alles herrlich sein, der auf der Long List des Deutschenbuchpreises stand (Außer sich hat es 2017 auf die Shortlist geschafft). Sasha Marianna Salzmann ist vor allem aber eines: eine der aufregendsten (queeren) Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

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