„Ich fange diese Geschichte mit der Lüge an und wie einem großen, majestätischen Wal mit zahlreichen anderen Meereswesen hinter sich, folgte ihr eine ganze Herde weiterer Lügen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich meine Zweifel hatte. Ich hatte keine. Ich ließ mich von ihr verschlingen, tauchte tief in sie ein und machte es mir in ihr bequem. Meine Gutgläubigkeit und ich, wir waren schon immer beste Freunde. Zu meiner Verteidigung kann gesagt werden, dass das Angebot echt schien und es in gewisser Weise auch war, und als es kam, war ich verzweifelt. Haken, Schnur, Harpune. Ich war dabei.“
‚Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)‘ von Rabih Alameddine (aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence) erzählt mit beißendem Humor und entlang der großen Katastrophen des Libanons – dem Bürgerkrieg, dem Finanzkollaps und der Hafenexplosion von 2020 – die (Liebes)geschichte eines gutgläubigen Sohnes und seiner übergriffigen Mutter.
Radscha, „der Schwule von nebenan“ und Lehrer für französische Philosophie, sehnt sich mit seinen 63 Jahren nach etwas Ruhe und Einsamkeit. Dieser Wunsch gestaltet sich im Zusammenleben mit seiner Mutter als unerfüllbar, will Zalfa doch alles über ihn, sein Leben und seine Liebschaften erfahren. Und trotz aller Streitereien ist diese Geschichte eine Liebeserklärung an diese kleine und unbeugsame Frau, die sich erst nach dem Tod ihres Mannes einzugestehen traut, dass er kein besonders guter Ehemann war, die gerne flucht und Dope raucht, die sich im hohen Alter den Demonstrationen gegen die korrupte Regierung anschließt, aber auch eine Freundschaft mit Madam Taweel pflegt, einer lokalen Mafiosipatin. Vor allem ist Zalfa aber eine Mutter, die für ihren Sohn die Welt einreißen würde.
Der Roman und Radschas Erzählung beginnen mit einer E-Mail, einer Einladung in die USA, welche ihm die erhoffte Auszeit verspricht. Doch um von dieser Reise zu erzählen und dem Verrat, der sie ermöglicht hat, muss Radscha alles erzählen. Auch wenn die drei großen Katastrophen die Struktur des Romans vorgeben (libanesische Katastrophen wohlgemerkt, die nicht vergleichbar sind mit europäischen oder amerikanischen Katastrophen!), ist es eine Geschichte, die in alle Richtungen ausufert: „Eine Geschichte hat viele Seiten, viele Ursprünge und Ausläufer, besonders, wenn es eine wahre Geschichte ist. Wie das Leben ist sie ein Fluss mit etlichen Armen und einem ganzen Netz aus Nebenflüssen, Bächen und Rinnsalen. Ich komme auf alle, ich schwöre es.“
Und so tänzelt der Roman von Anekdote zu Anekdote, eins, zwei Cha-Cha-Cha, alles ist ein großer Spaß, bis man stolpert und merkt, dass einem niemand auf die Füße getreten ist, sondern, dass Bomben fliegen, Schüsse fallen oder Explosionen den Boden erschüttern. Der Humor und die überbordende Erzähllust, die in einem so extremen Gegensatz zu den drei großen Katastrophen des Libanon stehen, sind mit Sicherheit auch Ausdruck von Radschas Gefühl der Entfremdung: Als in seiner Jugend die Bomben zu fallen beginnen und er Beirut nicht mehr wiedererkennt, wird er zu einem Fremden in der Stadt. Später sind es genau diese Katastrophen, die sich vertraut anfühlen.
Dieser Humor ist aber auch Teil einer Strategie, sich dem gängigen Narrativ eines Landes zu entziehen, das nur Tod und Verderben kennt. Alameddine gibt zwar ausreichend Kontext, versucht aber nie, den Libanon oder dessen Geschichte zu erklären. Der Roman nimmt sich ausreichend Raum für Ambivalenzen, für die Geschichte des Landes, für seinen bunten Reigen an Figuren oder aber auch für Radschas Homosexualität und wie seine Mitmenschen auf diese reagieren.
Letzten Endes erzählt ‚Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)‘ nicht so sehr von den Katastrophen, sondern vom Leben, das im Widerstand zu diesen möglich ist. Mal lacht man Tränen, mal fließen die Tränen einfach so, jedoch nie, weil Rabih Alameddine große Gefühle forcieren würde. Nein, wie auch seine Figur Radscha ist er ein meisterhafter Erzähler, der seine Kunst bestens versteht. Und diese Erzählkunst wurde 2025 dann auch verdientermaßen mit dem National Book Award ausgezeichnet.