Odd Klippenvåg – Ein liebenswerter Mensch

Odd Klippenvåg – Ein liebenswerter Mensch

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse sind vermehrt Bücher von AutorInnen aus Norwegen ins Deutsche übersetzt worden. Wer aufpasst, wird auch norwegische schwule Literatur entdecken: Ein liebenswerter Mensch von Odd Klippenvåg, erschienen im Albino Verlag. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nicht um die erste Übersetzung des Schriftstellers ins Deutsche. Bereits 2010 ist Der Stand der Dinge im Männerschwarm Verlag erschienen.

Aber zurück zu Ein liebenswerter Mensch. Der Klappentext verrät, dass Kjerand sein beinahe gesamtes Leben in seinem kleinen Heimatdorf verbracht hat und seine Homosexualität nie ausleben konnte. Erst als er mit 60 Jahren an Krebs erkrankt, entscheidet er sich, seinen alten Schulkameraden Birger in Oslo aufzusuchen. Der hat alles anders gemacht: Er lebt sein schwules Leben offen aus, hat sich aber – auch wenn ihm Liebe nicht unbekannt ist – im Gegensatz zu Kjerand nie gebunden. Die wenigsten Romane erzählen die Geschichten der Hängengebliebenen, es sind immer die Entflohenen, die ihre Stimme zu erheben wissen. Diese durchaus neue Konstellation war dann auch der ausschlaggebende Grund, warum ich das Buch, ohne vorher etwas darüber gehört zu haben, spontan gekauft habe. Allerdings – und dafür kann der Roman selbst freilich wenig – ist der Klappentext irreführend: Birger und nicht Kjerand ist Protagonist und Erzähler des Textes.

Nun gut, der Roman enthält trotzdem genügend erfrischende Details, die ihn in der Flut an queerer Literatur hervorheben, so dass ich nach der ersten Verwunderung weiterlesen wollte. Im Zentrum steht weiterhin ein 60 Jahre alter Mann, das kommt selten genug vor, denn wie wir wissen, ist man als homosexueller Mann mit spätestens 30 Jahren gesellschaftlich so gut wie tot. Da ist man dann nur noch die tattrige alte Tunte, entsexualisiert oder – das ist meistens noch schlimmer – mit einem unnatürlichen Appetit auf unschuldige Knaben ausgestattet. Aber Birger ist glücklicherweise nichts davon, er hat ein gesundes Sexleben, wechselnde Bekanntschaften und einen festen Kreis aus Freunden und Bekannten. Hier gibt es keine Scham oder das Bedürfnis, aus einer leeren Existenz errettet zu werden. Auch als Kjerand und Birger sich dann näherkommen, ist das nicht als Bekehrung zu verstehen, sondern lediglich als etwas Neues, eine Alternative zum bisher Bekannten. Dass der Roman bis zur letzten Seite konsequent daran festhält, ist auch, in meinen Augen, sein rettendes Element.

Erzählt wird aus dem Leben von Birger und Kjerand in einer alltäglichen Sprache und das ist durchaus ganz konkret so zu verstehen. Immer wieder fällt Birgers Blick und Aufmerksamkeit auf Kleinigkeiten oder auch Nichtigkeiten. Als Leser hat man so das Gefühl Zeuge der kleinen Dramen zu werden, das Buch hat also seine ganz eigene Atmosphäre. Allerdings ermüdet das irgendwann auch und man muss sich die Frage stellen, ab welchem Zeitpunkt Langeweile noch literarisch und nicht ganz einfach langweilig ist. Auch wirken Birgers Aussagen über den Kunstbetrieb, in dem er als Galerist tätig ist, stellenweise phrasenhaft. Ärgerlich sind dann aber doch vor allem Äußerungen über Künstlerinnen, die den Freitod wählen und in diesem angeblich endlich frei seien. Da fragt man sich dann zurecht: Im Ernst? Aber wer weiß, vielleicht übertreibe ich und diese praktische Einstellung gegenüber dem Suizid ist ganz und gar Norwegisches.

Und ja, ohne zu viel verraten zu wollen, diese Aussagen stehen in einem direkten Verhältnis zu den Entwicklungen am Ende des Romans, der viele Fragen nicht beantwortet und zumindest mich auch etwas ratlos zurückgelassen hat. Passen die dramatischen Ereignisse zum ungezwungenen Erzählton des Romans? Oder liegt in dieser Ungezwungenheit die Antwort, sollen wir vielleicht auch die Tiefen als Teil des Alltäglichen begreifen? Letzten Endes hätte ich mir trotz all dieser Fragen zwischendurch weniger Atmosphäre und mehr Charaktertiefe gewünscht. Ein liebenswerter Mensch ist ein Roman, der viel verspricht, aber nur einen Bruchteil davon einhält. Dass das späte Glück im Leben nicht weniger wert ist, ist trotzdem eine hübsche Botschaft und manchmal verlangt man von seinen Büchern ja auch nicht mehr als das.

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