Mireille Best – Camille im Oktober

Mireille Best - Camille im Oktober 01

Wenn sich die Mütter umbringen würden, dann wäre es an einem Wochentag im Oktober zur Stunde des Nichts um vier Uhr nachmittags. Ihr Leben besteht aus ihren trinkenden Ehemännern, die sie besteigen und auch schlagen, den schreienden und kotzenden Kindern, dem Stumpfsinn des Alltags, von dem es kein Entkommen gibt.

Camille, und auch ihre Geschwister, sind Überlebende der großen Razzia, jene, die sich so wild entschlossen im Bauch ihrer Mütter festgeklammert haben, dass sie sie wohl oder übel ausbrüten mussten, damit sie endlich losließen. Oft sind sie dabei, wenn sich die Frauen des kleinen Dorfes in Südfrankreich zusammensetzen, um bei einer Tasse Kaffee über längst vergangene Tage zu reden. Mit jeder Wiederholung ändert sich ein Detail in ihren Erinnerungen. Dieses Erzählen ist passiver Widerstand. Die Unmöglichkeit auszubrechen, zwingt sie die Vergangenheit anzupassen, macht sie zu Geschichtenerzählerinnen.

Camillie ähnelt nichts und niemanden im Dorf, auch nicht ihrer Familie. Sie liest und ist gebildet, sie interessiert sich nicht für die Jungs in ihrer Klasse. Im Gegensatz zu so vielen anderen Mädchen wird sie sich nicht mit 15 schwängern lassen, sie wird sich, wie sie verkündet, von niemanden herumschubsen lassen. Und außerdem liebt sie Clara, die Frau des Zahnarztes.

Camilles Andersartigkeit, ihr Wechsel des Milieus gleicht einer Verurteilung. Für beide Seiten, Camille und ihre Familie, geht diese Entfremdung mit Scham einher. Auch weil Camille sich selbst töten will. Kein Suizid, sondern ein radikales Verschwinden, welches das alte Ich als Leiche zurücklässt. Denn Camille muss erkennen, dass sie womöglich nur sich selbst aus der Armut und der geistigen Enge des Dorfes retten kann, dass sie ihre Familie zurücklassen muss. Doch sie weiß auch, dass sie immer ihre Verrätervisage behalten wird. Beeindruckend ist auch, wie Camilles gleichgeschlechtliches Begehren beschrieben wird. Das Wort ‚lesbisch‘ taucht im Text nicht auf – allerdings nur weil Camilles Gefühle keinerlei Erklärung oder Rechtfertigung bedürfen.

Mireille Bests Roman Camille im Oktober (aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer) ist in mehrerlei Hinsicht beeindruckend. Ihre Themen prägen den aktuellen Literaturdiskurs: Sie schreibt über Armut, über die Scham diese hinter sich zu lassen und über die doppelte Herausforderung als (lesbische) Frau, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu widersetzen. Viel passiert nicht auf den 215 Seiten. Doch Mireille Best ist eine Meisterin der kleinen Gesten. Mit ihren Bildern kann sie mehr in einem Satz ausdrücken als viele andere Autor*innen in einem ganzen Roman. Sie verzichtet oft auf eine klassische Punktation und setzt stattdessen Leerstellen zwischen die einzelnen Sätze:

„Es gibt den Dialog, den man hört, und einen anderen, der sorgfältig von dem ersten verdeckt und verborgen wird, und nur in der Qualität des Schweigens zum Vorschein kommt, im Blickwinkel, im Ansatz einer Geste, in einem Lachanfall oder in der Ambiguität von Entgegnungen selbst, die gleichzeitig eine bedeutungsvolle Frage und DIE Frage, die nicht gestellt worden ist, beantworten (…).“

Auch die Biographie von Mireille Best ist erstaunlich: Am 04. Juni 1943 wurde sie in Le Havre geboren und wuchs wie ihre Protagonistin in absoluter Armut auf. Die Höhere Schule hat sie nie beendet, mit ihrer Partnerin Jocelyne Campon lebt sie in einem Dorf in Südfrankreich abseits vom literarischen Leben in Paris. Als sie ihr erstes Manuskript an den Verlag Gallimard schickt, wird es sofort angenommen. Über viele Jahre hinweg arbeitet sie in der Finanzverwaltung und schreibt nebenher. Dass ihre Werke derart in Vergessenheit geraten sind, liegt vor allem an der mangelnden Werbung und Rezeption. Neben Camille im Oktober ist auf Deutsch lediglich ihr Roman Es gibt keine Menschen im Paradies antiquarisch erhältlich (ebenfalls bei Krug & Schadenberg).

Mireille Best gilt es unbedingt wiederzuentdecken. Über ihre Themen schreibt sie im Vergleich zu anderen Autor*innen mit ähnlichen Interessen (ohne sie zu diesen in Konkurrenz setzen zu wollen) humorvoller, poetischer und vor allem: weniger banal.

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