Konstantinos Kavafis – Das Gesamtwerk

Konstantinos Kavafis - Das Gesamtwerk

Konstantinos Pétrou Kavafis (1863-1933) wurde als Sohn einer griechischen Kaufmannsfamilie im ägyptischen Alexandria geboren. Seine Biographie und auch sein Werk sind von Widersprüchen geprägt: Bis zu seinem Tod (bis auf einige prägende Jahre in London und Konstantinopel) lebte der Dichter in Alexandria und verstand sich doch als Grieche. Er lebte zurückgezogen, über seine Biographie ist nur wenig bekannt. Tagsüber arbeitete er als Beamter für das Amt für Bewässerung, nachts trieb er sich in den Tavernen und Cafés von Alexandria herum. Nur wenige Gedichte veröffentlichte er zu Lebzeiten, die meisten in Zeitschriften oder auf privat gedruckten Blättern, die er an Freund*innen und Bewunderer*innen verteilte. Trotzdem, als Kavafis‘ an den Folgen von Kehlkopfkrebs stirbt, bleibt sein Tod trotz seiner scheinbaren Distanz zu den literarischen Kreisen seiner Zeit von diesen nicht unbemerkt, tatsächlich genießt er in diesen hohes Ansehen. Seine Gedichte werden zu einem zentralen Bestandteil der Weltliteratur und sind es auch noch heute.

Das Gesamtwerk von Konstaninos Kavafis (herausgegeben und aus dem Griechischen von Robert Elsie) umfasst (fast) alle seine Gedichte und Prosatexte. 2014 ist im Verlagshaus Berlin die Sammlung Im Verborgenen erschienen, diese versammelt jene offen homoerotischen Gedichte, die erst zu Beginn der 90er Jahre in Griechenland veröffentlicht wurden. Vor einem ähnlichen Problem steht auch Das Gesamtwerk. Die Gedichte sind chronologisch in die Abschnitte ‚Veröffentlichte Gedichte‘, ‚Unveröffentlichte Gedichte‘, ‚Verworfene Gedichte‘ und ‚Unvollendete Gedichte‘ sortiert. Zeit seines Lebens überarbeitete der perfektionistisch veranlagte Kavafis seine Gedichte, was sein relativ schmales Gesamtwerk miterklären könnte.

Die Gedichte Kavafis lassen sich thematisch – mit ein paar Überschneidungen – in zwei Lager unterteilen. Viele der Gedichte beschäftigen sich mit der Geschichte Griechenlands und Alexandrias, diesen gegenüber stehen die sogenannten erotischen Gedichte. Allesamt sind sie von einer prosaischen Form geprägt, von einer Schlichtheit der Sprache. Kavafis gilt allgemeinhin als moderner Dichte, doch gerade seine homoerotischen Gedichte sind es (vielleicht bin ich hier thematisch bedingt etwas voreingenommen), die davon profitieren und sich auch 100 Jahre später noch zu ihren Leser*innen sprechen.

In den Texten zu Kavafis‘ Gedichten wird oft vom päderastischen Eros gesprochen, das greift allerdings – trotz Kavafis‘ Nähe zum antiken Griechenland – zu kurz. Denn auch wenn in einigen wenigen Gedichten von Knaben die Rede ist, so haben die Objekte der Begierde Kavafis‘ ein sehr spezifisches Alter, das so auch immer wieder in den Texten genannt wird: Der perfekte Liebhaber für Kavafis ist zwischen 23 und 27 Jahre alt, also junge, erwachsene Männer. Was diese Gedichte auszeichnet, ist die Offenheit, mit welcher Kavafis über sein Begehren schreibt. Wörter wie ‚Scham‘ tauchen nur vereinzelt auf, die Originalmanuskripte beweisen, dass sie beim Überarbeiten oftmals auch ganz gestrichen wurden. Wenn einem Verbot die Rede ist, dann ist es ein Verbot der puritanischen Gesellschaft, welchem sich der Dichter nur zu gern widersetzt, um seinen nächtlichen Vergnügungen nachzugehen.

Diese Offenheit ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass Kavafis stets aus der Retrospektive erzählt. Seine Themen sind die Vergänglichkeit der Zeit, der Schönheit und der Liebe. Indem er über sie schreibt, verleiht er ihnen etwas Dauerhaftes. Er schreibt Momentaufnahmen, nächtliche Begegnungen in schäbigen Zimmern, Körper, über die das erste Licht des Tages fällt und das Aufflammen der Leidenschaft in einem Café oder einer Taverne.

Kavafis‘ Ruhm lässt sich vor allem anhand seiner Freundschaft zu E.M. Forster erklären, der ihn W.H. Auden und Marguerite Yourcenar (die auch ein ausführliches Essay zu Kavafis geschrieben hat, welches dem Gesamtwerk vorangestellt ist) empfohlen hat, diese haben ihn wiederum einem englisch- und französischsprachigen Publikum vorgestellt. Kavafis‘ Thema mag die Vergänglichkeit gewesen sein, doch seine Gedichte sind es nicht – ihnen ist ein Platz im Kanon der Weltliteratur und im Kanon der queeren Literatur sicher.

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