Jossi Avni – Der Garten der toten Bäume: Liebesbriefe eines Unbekannten

Jossi Avni - Der Garten der toten Bäume: Liebesbriefe eines Unbekannten

Nicht eine einzelne Person oder eine Handlung stehen im Vordergrund von Der Garten der toten Bäume: Liebesbriefe eines Unbekannten von Jossi Avni. Vielmehr erzählt der Roman von der Sehnsucht und der Melancholie.

Jossi, er teilt den Namen mit seinem Autor, ist Anfang 30, erzählt von den Männern, denen er im Garten der toten Bäume in Tel Aviv begegnet. Dieses sprechende Ich steht im Vordergrund der ersten Hälfte des Romans, der aus insgesamt 15 Episoden besteht. Immer wieder kehrt er zurück zu den durch den Park irrenden Männern, die ihn am Ende immer wieder verlassen. Sie kehren zurück zu ihren Ehefrauen oder sie verlassen ihn, um den Druck der Gesellschaft nachzugeben und zu heiraten. Und er erzählt von seiner Mutter, welche Großes von ihm erwartet und darauf hofft, dass er bald eine Frau heiraten wird. Es sind Liebe und auch Hass, die ihn an seine Mutter binden.

Im zweiten Teil wird aus dem Ich ein Er und ein Sie, Figuren, die eine körperliche und auch sinnliche Sehnsucht antreibt. Mal ist es eine Palästinenserin, die von der Schönheit eines israelischen Soldaten in den Wahnsinn getrieben wird, mal ist es ein verheirateter Mann, der beim Anblick eines jungen Mannes längst vergessene Begierden in sich entdeckt.

Der Garten der toten Bäume von Jossi Avni, aus dem Neuhebräischen von Katharina Hacker und Markus Lemke übersetzt, ist der einzige Roman des israelischen Diplomaten, der ins Deutsche übersetzt wurde. Zwei der Episoden wurden unter dem Titel Liebesbriefe eines Unbekannten verfilmt.

Die Komposition des Romans erinnert an Garth Greenwells Cleanness, doch auch dieser Vergleich wird diesem Klassiker der schwulen Literatur nur bedingt gerecht. Trotz aller Melancholie und Sehnsucht ist Der Garten der toten Bäume kein pessimistisches Werk, denn über allen Erzählungen hängt die Verheißung, das, was möglich ist. Der Roman gleicht einem Traum, denn die Episoden changieren zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Sehnsucht und Erfüllung. Ein Besuch im Garten der toten Bäume bedeutet sich auf das einzulassen, was passieren könnte, nicht, was passieren wird.

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