Josef Winkler – Das Zöglingsheft des Jean Genet

Josef Winkler - Das Zöglingsheft des Jean Genet

In A Room of One’s Own schreibt Virginia Woolf, dass Frauen durch ihre Mütter schreiben. Sich zurückbesinnen auf das, was vorher war. So entsteht eine Tradition weiblichen Schreibens. Für die (westliche) Tradition schwulen Schreibens nimmt diese Rolle oft Jean Genet ein. Wenn schwule Autoren davon erzählen, welche Autoren ihnen gezeigt haben, dass es einen Platz für sie in der literarischen Welt gibt, dann steht Jean Genet neben James Baldwin und Marcel Proust an erster Stelle. Die Wege von Jean Genet und James Baldwin haben sich dann auch in Paris gekreuzt. In James Baldwins Klassiker Giovanni’s Room tauchen zwei Figuren auf, die unschwer als Genet selbst (ein Schriftsteller, der nicht aufhören kann über seine Gefängnisaufenthalte zu erzählen) und seine Hauptfigur aus Notre-Dames-des-Fleurs, der Transvestit Divine, zu erkennen sind. Kein Wunder also, dass die meisten Leser zwar schon einmal etwas über Genet gelesen haben, aber noch nichts von Genet. Dabei hatte Genet selbst keinen größeren Wunsch als zu vergessen zu werden und hinter seinem Werk zu verschwinden. Wenn das eigene Werk jedoch so sehr mit dem eigenen Leben oder vielmehr der Interpretation von jenem verwoben ist, scheint das unmöglich. Das ist wohl einer der Widersprüche, die Genet so unwiderstehlich machen.

Auch Winkler, der österreichische Schriftsteller und Georg-Büchner Preisträger hat über Jean Genet geschrieben. Scheinbar. Liest man das Buch, entdeckt man die verschiedenen Stationen, von denen man wahrscheinlich schon einmal gehört hat: das Schicksal als Zögling der Fürsorge, die Diebstähle und die Aufenthalte in verschiedenen Gefängnissen, wo er auf brauen Papiertüten einen Großteil seines ersten Romans Notre-Dame-Des-Fleurs schreibt, seine latente Homosexualität, die sich in der Anbetung gigantischer Schwänze ausdrückt, schließlich seine Entdeckung durch Jean Cocteau und das Einschreiten Satres, als Genet nach wiederholten Diebstählen die lebenslange Haft droht. Und auch wenn das für viele Leser sicherlich interessant sein mag, geht es Winkler nicht hauptsächlich darum. Der Biografie Genets stellt er immer wieder Zitaten aus dessen Werk gegenüber – und auch sein eigenes Leben.

Winkler wurde 1953 als Sohn eines Bauern in Kärnten geboren. Winklers Kindheit ist geprägt von einem gewalttätigen Vater und der Ausgrenzung der Dorfgemeinschaft aufgrund seiner Sexualität. Ein „kleiner Hitler“ müsse her, um das Problem mit den Schwulen zu lösen. Winkler will sterben. Er blickt in den Abgrund von Brücken und verbringt ganze Tage in der Bibliothek, wo er Bücher nach Wörtern wie „Tod“ und „Sterben“ durchsucht. Und dann entdeckt er Genet, dessen Darstellung des Todes ihn so sehr fasziniert, dass er kaum noch Zeit dazu findet, über den eigenen Tod nachzudenken. Er ist gerettet. Seine Kindheit und Jugend hat Winkler schließlich in seinem Romanwerk Das wilde Kärnten verarbeitet. Genau in diesem Kontext ist Das Zöglingsheft des Jean Genet auch zu lesen. Das Buch ist sicherlich keine Biografie, dafür ist es zu kurz (Wer eine lesen will, dem empfehle ich die Genet-Biographie von Edmund White). Und Winkler versucht auch ganz sicherlich nicht Genet zu erklären. Das hat bereits Satre in seinem 800-Seiten langen Essay Saint Genet versucht und ist, wie Susan Sontag treffend zusammengefasst hat, daran gescheitert: „In Genet, Satre has found his ideal subject. To be sure, he has drowned in him.“

Als was ist Das Zöglingsheft des Jean Genet also zu verstehen? Es ist ein Schlüssel zu Winklers Werk und Leben. Wie so viele andere Autoren auch ist er ein Zögling Genets. Ohne seine Romane würde es Winkler und seine Romane in dieser Form nicht geben. Er interpretiert Genets Leben und sein Werk für sich selbst, so wie auch Genet sein Leben als Kunstwerk interpretiert hat. Er zollt Tribut und stellt sich in eine Reihe von Autoren, die über ihre Texte miteinander kommunizieren, das Gespräch durch ihre Bücher über Zeit und Raum hinweg fortsetzen. Immerhin gibt es auch eine Anekdote, in der Genet im Gefängnis Im Schatten junger Mädchenblüte, der zweite Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, in die Hände fällt und die verschachtelten Sätze ihn derartig verzaubern, dass auch er schreiben möchte. Diese Tradition ließe sich wahrscheinlich unendlich fortsetzen.

Genet und Winkler sind perfekte Beispiele dafür, wie schwule und queere Autoren durch die Zeit hindurch miteinander kommunizieren, Gespräche, denen wir auch heute noch folgen dürfen. Und sie haben uns eine Menge zu erzählen.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.