John Boyne – The Heart’s Invisible Furies

Für The Heart’s Invisible Furies hat sich John Boyne, bekannt für sein Kinderbuch The Boy in the Striped Pyjamas, eine Menge vorgenommen: Anhand von Lebensabschnitten im Abstand von jeweils sieben Jahren erzählt Cyril Avery etwas salopp sein eigenes Leben – und damit ein Stück irischer und schwuler Geschichte. Leider scheitert das Buch auf ganzer Linie an John Boynes eigenen Ambitionen.

Die Geschichte beginnt noch vor Cyrils Geburt – seine unverheiratete Mutter wird von der Gemeinde verstoßen, nachdem sie sich weigert, den Vater ihres Kindes zu nennen. Wenn das an The Scarlett Letter von Nathaniel Hawthorne erinnert, ist das mit Sicherheit volle Absicht. Denn Hawthorne selbst war zwar ein amerikanischer Schriftsteller, pflegte aber wohl Beziehungen zu Männern, die über reine Freundschaft hinausgingen (Herman Melvilles Moby Dick ist ihm also nicht ohne Grund gewidmet).

Im Gegensatz zu Hester Prynne verlässt Catherine Goggin jedoch ihr kleines Dorf und bricht auf nach Dublin, wo es für eine gefallene Frau wie sie eine Zukunft gibt. Sie lernt Seán MachIntyre und Jack Smoot kennen: zwei Männer, die zwar nicht für Catherine, jedoch für die Leser*innen unschwer als Paar zu erkennen sind. Was wie eine Geschichte über eine selbstgewählte, queere Familie anmutet, endet schnell in Gewalt und Tragik. Jemand stirbt und Catherine gibt ihren neugeborenen Sohn zur Adoption frei. Direkt zu Beginn offenbart sich hier leider eine der größten Schwächen des Romans. Jedes Mal, wenn die Handlung an Fahrt gewinnt und man als Leser*in das Gefühl hat, die Geschichte gefunden zu haben, geschieht etwas Unerwartetes, um die Charaktere – und allen voran Cyril – in eine unerwartete, neue Richtung zu stoßen. Das mag am Anfang noch funktionieren, aber was als Zufall oder unglückliche Fügung maskiert ist, ist schnell als künstlicher Eingriff des Autors entlarvt, der möglichst viele Themen in seinem Buch unterbringen will. Das weitaus größere Verbrechen: wenn es zu diesen Twists kommt und die Handlung sieben Jahre in die Zukunft springt, ist schnell klar, dass die wirklich emotionalen Momente in Cyrils Leben übersprungen werden. Und damit wohl auch die Szenen, die nicht so leicht zu schreiben sind.

Bei seinen Adoptiveltern angelangt, erhält Catherines Kind seinen Namen: Cyril Avery. Das ist übrigens auch der etwas einfallslose Titel, den der Pieper Verlag für die deutsche Übersetzung gewählt hat. Die Namenswahl ist bezeichnend. Denn auch einer von Oscar Wildes Söhnen hieß Cyril. Und zumindest im metaphorischen Sinn ist Cyril Avery der Sohn von Oscar Wilde. Der Name ist dann aber auch das Einzige, was Cyril von seinen Adoptiveltern bekommt. Seine Mutter, eine kettenrauchende Autorin, die Erfolg für geschmacklos hält, und sein Vater, der seine Frau betrügt und seine Steuern hinterzieht, sind zwei exzentrische Karikaturen. Auch wenn sie ihren Adoptivsohn nicht misshandeln, erinnern sie ihn jedoch stets daran, dass er genau das ist und nicht mehr. Cyril ist kein echter Avery. Cyrils Kindheit und Jugend bei den Averys schaden ihm jedoch nicht all zu sehr. Wichtiger ist Julian Woodbead, ein Junge, den er bereits mit sieben Jahren kennenlernt und der für lange Zeit eine Obsession für Cyril wird. Neben dem epischen Versuch, ein komplettes Leben zu erzählen, welches bereits mit den eigenen Vorfahren beginnt, erinnert natürlich auch Cyrils Kindheit an so manchen Roman von John Irving (der an einer Stelle im Roman dann auch Erwähnung findet). Nur dass Irving das zu seinen Spitzenzeiten um einiges besser konnte. Cyrils Beziehung zu seinen Adoptiveltern erfüllt nur den Zweck, die Seiten zu füllen und ganz zum Schluss eine vollkommen ungerechtfertigte Versöhnung herbeizuführen, während Julian als Figur so unnahbar und unsympathisch ist, dass es selbst mit einer Menge Empathie schwer ist, Cyrils Gefühle für ihn nachzuvollziehen.

Im katholischen Irland der 50er und 60er Jahre ist es selbstverständlich, dass Cyril aufgrund seiner Sexualität Scham empfindet (Homosexualität war zu dieser Zeit noch strafbar in Irland) und so heißt dann auch der erste große Abschnitt des Romans „Shame“. Ohne diese thematisch vorgebende Überschrift hätte man sonst vielleicht auch leicht übersehen können, worum es geht. Denn Boynes Erzähler hat eine der wichtigsten Regeln des Erzählens nicht begriffen: Show, don’t tell. Wenn Cyril sagt, dass er Scham empfindet, mag das einleuchten. Das bleibt dann aber oft so an der Oberfläche verhaftet, dass es als Leser*in schwerfällt, Cyrils Entscheidungen nachzuvollziehen und man ihn schnell verurteilt. Weitaus schwerwiegender ist jedoch der Versuch, Cyrils Geschichte mit Humor zu erzählen. Wenn Cyril einen Arzt aufsucht, um sich von seiner Homosexualität heilen zu lassen und im heiteren Ton davon berichtet wird, wie dieser immer wieder mit einer Spritze in seinen Hoden sticht, bleibt einem schnell das Lachen im Hals stecken und man fragt sich, ob man mit oder über Cyril lachen soll. Boyne selbst ist offen homosexuell – von daher ist davon auszugehen, dass er eine andere Absicht hatte. Ein Problem ist mit Sicherheit, dass obwohl Cyril rückblickend auf sein Leben schaut, er bis auf wenige Ausnahmen chronologisch erzählt und man als Leser*in so immer mit ihm im Moment gefangen ist. Auch hier hat sich Boyne leider für den leichten Weg entschieden.

Weitere Episoden spielen in Amsterdam, wo Cyril die erste richtige Beziehung seines Lebens beginnt und im New York der 80er, wo er mit der AIDS Epidemie konfrontiert wird. Der Kreis schließt sich zum Schluss in Dublin, wenn Cyril sich endlich seiner Vergangenheit stellen muss. Besonders die Episoden in Amsterdam und New York bieten Potential. Es ist dann vor allem ärgerlich, wenn man als Leser nur erfährt, dass Reagan ein Monster war und nicht nur Schwule an AIDS gestorben sind. Wer mehr über diese Zeit erfahren will, sollte von daher lieber auf die Klassiker der AIDS Literatur zurückgreifen.

The Heart’s Invisible Furies ist ein Roman, in dem mindestens 5 Bücher mit Potential stecken, die hier vereint so oberflächlich daherkommen, dass schnell das Gefühl aufkommt, die Cliff Notes eines Romans mit dem ursprünglichen Umfang von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorliegen zu haben.

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